The Sound Of Music

SoundwavesGeradezu symbiotisch verbunden mit der Spannung popmusikalischer Ausdrucksformen ist der hervorgebrachte Sound der zum Einsatz kommenden Klangkörper. Spricht man vom Konzept Sound, darf es als somatisch bedeutsame Fließbewegung verstanden werden. Über dem steht die immanente Körperlichkeit von Popmusik. Von Martin Macho

Zur praxisnahen Einstimmung sei zu folgendem kleinen Selbstexperiment eingeladen: Besorgen Sie sich den Song „Crest Of A Wave“ von Rory Gallagher (es ist das letzte Lied auf dessen zweitem Soloalbum „Deuce“ aus dem Jahr 1971) und spielen Sie diesen einmal bei optimal ausgerichteten Speakern und in voller Lautstärke ab. Beobachten Sie dabei ihre Reaktionen. Ganz ehrlich, wie ruhig sind Sie während der knapp sechs Minuten Laufzeit geblieben?

Acoustic Driving

Natürlich ist das vorgestellte Beispiel nach eigenem Belieben austauschbar. Gewählt wurde „Crest Of A Wave“, weil der Song im Zusammenwirken seiner elektrisierenden Inhaltsstoffe exemplarisch für das zu betrachtende Ganze steht. Das synkopierte Riff, der vorwärtspreschende Beat und eine maximale Phonzahl können Sie im Einzelnen nun völlig in den Bann ziehen oder auch höchstens flüchtig streifen – feststeht allgemein, dass gerade Rockmusik sogenannte Driving-Effekte hervorrufen kann, messbare innere Erregungszustände, die auf motorische Abfuhr drängen. Man sagt nicht umsonst, ein bestimmter Song „fährt“. Und nicht umsonst ging bei den ersten Rock ´n´ Roll-Konzerten in den 50er Jahren regelmäßig das Mobiliar zu Bruch, weil ein enthemmtes Publikum im Umgang mit den Energien, die dieser Art von Musik innewohnen, noch vollkommen unerfahren war.

Acoustic Driving ist im Wesentlichen das subjektive Bewegt-Sein durch Musik in Abhängigkeit von psychologischen Variablen wie dem Grad der Sensibilisierung, der motivationalen Bereitschaft oder der Vorerfahrung. Der empirisch nachweisbare Effekt ist in der musikwissenschaftlichen und der musikpsychologischen Forschung seit Längerem Ausgangspunkt für die tiefergreifende Ergründung des Zustandekommens der evozierten Energien. Energien, die sich im vibrierenden Spannungsgebiet zwischen praktizierendem Künstler und rezipierendem Publikum vor allem live auf- und entladen, und deren Vorhandensein sich nicht allein durch Rhythmik, Melodik, Dynamik, Instrumentierung oder Spielweise erklären lässt.

Das Medium Sound

Driving-Wirkungen werden in der populären Musik vorrangig durch die inhaltlich schwer fassbare Kenngröße Sound erreicht. Was macht Sound aus? In jedem Fall ist er weit mehr als die musikalischen Parameter eines Songs, mehr als die Summe seiner virulenten Einzelteile. Seine Direktheit, seine Fähigkeit, unsere endogenen Bedingungen unmittelbar zu verändern und uns diese Veränderungen wiederum motorisch ausleben zu lassen, ist eines der maßgeblichen Merkmale von SoundPopmusik. Sie zielt in ihren unterschiedlichsten Spielarten nachgerade darauf ab, einen speziellen Sound zu kreieren, um eine spürbare Bewegtheit des Zuhörers voranzutreiben. Soundlastigkeit befördert die Entstehung eines möglichst unmittelbaren Reizereignisses Musik. Damit ist Sound als eher emotionales denn musikalisches Konzept grundlegend funktional.

Musik verhält sich zu Sound wie ein Windrad zu der aus ihm entspringenden Energie. Eine bestimmte popmusikalische Aufführung lässt Sound entstehen, dem die Kraft zum somatischen Bewegt-Sein eigen ist. Den Gedanken weiterführend ist es unmöglich, eine performte, im Aufführungsprozess befindliche Popmusik ohne Soundkraft denken zu wollen. Beim Musiker selbst ist Sound Mittel zur persönlichen Befindlichkeitsbeschreibung. Der Knepler´schen Ursprungstheorie folgend, wonach Musik die kulturelle Überformung des Emotionslautes sei, kann er als ihr bedeutsamstes Medium angesehen werden. Der Sound ist die infolge kultureller Prozesse sublimierte Lautäußerung, die eine Gefühlsregung begleitet.

Letztlich entspricht Sound auch dem menschlichen Bedürfnis nach gemeinschaftlicher sprachloser Kommunikation. Für das Publikum hat die lustspendende Erfahrung des kollektiven Nach-Außen-Kehrens identer körperlicher Zustände in der Live-Situation einen außermusikalischen hedonistischen Mehrwert. Es darf hier die Umkehrung eines bekannten Sagers postuliert werden: Geteilte Freud´ ist doppelte Freud´.

Fotos: © BEP / pixabay.com / © FireFly Studios

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