I don't like Schlager

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Ein Amerikaner in Wien – Robert Castelli ist in New York geboren und aufgewachsen und lebt seit einigen Jahren im 17. Bezirk in Wien. Backbeat erzählt er was er von der Jazz-Polizei hält, warum er nicht beim Highschool-Orchester mitmachen wollte, wie er in die Fußstapfen seines Vaters trat und warum John Coltrane heute wohl andere Musik machen würde.

Wie bist du zum Schlagzeug spielen gekommen?
Mein Vater war ein professioneller Schlagzeuger in New York. Als ich geboren wurde, hatte er einen regulären Job, und spielte nur am Wochenende. Ich habe immer auf seinem Equipment rumgespielt. Als ich acht oder neun Jahre alt war hat er mir mein eigenes Schlagzeug gekauft. Ich habe dann ­sieben Jahre lang Schlagzeug gespielt ohne je Unterricht zu nehmen.

Hat dich dein Vater gedrängt Schlagzeug zu spielen?
Nein, er hat mich gefördert und er­mutigt, aber er hat mich nie dazu gezwungen. Aber meine Mutter wollte eigentlich nie, dass ich Musiker werde. Das lag wohl daran, dass mein Vater Musiker war und sie wusste wie hart das sein kann. Er war der Ansicht, wenn ich mich selbst für Musik begeistern würde, dann würde er mich auch fördern. Zudem arbeitete er in einem Musikladen. Und wenn immer ein Instrument, das nicht mehr gebraucht wurde im Laden rum lag, dann brachte er es mir mit. Er hatte mir auch einmal eine alte ­Gitarre mitgebracht. Und ich lernte auch ­Gitarre zu spielen. Eines Tages hat mich mein Vater, gefragt, ob ich lieber ein ­Gitarrist oder Schlagzeuger wäre. Es war ihm ­sicherlich wichtig, dass ich in seine Fußstapfen trete. Manchmal ­denke ich mir, dass es vielleicht besser gewesen, dass er mich mehr gepusht hätte. Denn obwohl ich bereits sieben Jahre Schlagzeug ­spielte, konnte ich ­immer noch keine Noten lesen. Andererseits war das vielleicht auch ein Vorteil. Wenn du alles gleichzeitig lernen musst, sprich Koordination und Noten lesen, kann es manchmal vielleicht etwas zu viel werden.

Warum hast du eigentlich erst nach mehr als sieben Jahren Unterricht genommen?
Mein Vater hat mir geraten, dass ich beim Highschool-Orchester mitmachen sollte, um eine etwas orthodoxere musikalische Ausbildung zu bekommen. Das war in den frühen 70ern. Ich fand das aber ziemlich uncool und spießig. Ich war halt ein typischer Jugendlicher der glaubte alles zu wissen. Deswegen habe ich Privatstunden genommen. ­Leider gab es in den USA bis 1980, das Jahr in dem ich aufs ­College ging, nur zwei Schulen, in denen man Schlagzeug als Instrument lernen ­konnte.

Kannst du dich noch an deine erste Band erinnern?
Ja, natürlich. Wir nannten uns The Flying Dutchmen. Das war in der Highschool. Wir haben Beatles, Jefferson Airplane und Cream Sachen gespielt. Zum Jazz bin erst ein paar Jahre später gekommen, als ich mich angefangen habe für Fusion zu interessieren. Jedenfalls haben wir mal einen Highschool-Gig gespielt und unsere Zuschauer haben uns ihre Anerkennung gezeigt, indem sie ihre ­leeren Bierflaschen auf die Bühne gestellt
haben (lacht). Als wir dann fertig gespielt hatten standen hunderte Bierflaschen auf der Bühne rum. In dem Moment kam unser Direktor rein und brüllte „Was soll das!“ Für uns war es einfach nur Anarchie.

Bist du nach der Highschool auf die Uni gegangen?
Ja, obwohl meine Familie relativ arm war. Ich war mir also nicht sicher, ob ich auf die Universität gehen sollte, weil ich dazu Geld brauchte. Ich habe dann eine Aufnahmeprüfung fürs Berkley ­Music College in Boston gespielt. Und sie ­haben mich tatsächlich genommen. ­Leider konnte ich es mir aber nicht leisten hinzugehen. Ich habe dann zweieinhalb Jahre lang so eine Art Abendschule besucht. Dort hat mich ein sehr guter Jazzdrummer namens Ed Soph unterrichtet. Zudem habe ich auch das Drummers ­Collective in New York besucht, wo mich Kim Plainfield (spielte u. a. mit den Pointer Sisters Anm. d. R.) unterrichtet hat. Er war wirklich ein verdammt guter Lehrer. Plainfield und Soph haben mich mehr beeinflusst, als jeder andere Lehrer
den ich hatte. Ed Soph konnte dir die kompliziertesten Dinge erklären. Kim hat mir gelernt wie ich mich richtig ­koordiniere beim Schlagzeugspielen. Ich habe einige ihrer Unterrichtsmethoden für meine eigenen Schüler adaptiert.

Wie ist es danach weitergegangen?
Ich habe ziemlich viele Konzerte in New York gespielt. Meistens mit irgend­welchen Leuten, die irgendwann einmal mit einer Berühmtheit gespielt ­haben. Und ich habe alles gespielt. Von Rock’n’Roll, über Latin bis zu Jazz. Und ich habe in allen Möglichen Locations gespielt. Von kleinen Clubs bis zu kleinen Stadien vor 5000 Leuten. Ich hätte es mir auch nicht leisten können irgendwelche Gigs auszuschlagen, weil mir die Musik nicht gefällt. Ich brauchte schließlich das Geld. In dieser Zeit habe ich auch sehr viel über die geschäftliche Seite der Musik gelernt, die gar nichts damit zu tun hat, wie du spielst. Um wirklich weit zu kommen musst sowohl geschäftlich als auch musikalisch auf der Höhe sein.

Wann bist du eigentlich das erste Mal nach Österreich gekommen?
Das muss 2002 gewesen sein. Ich habe damals Jemanden aus Innsbruck in Manhattan kennen gelernt. Ein Freund von diesem Typen hat gerade eine Tournee in Österreich gebucht und ich wurde als Schlagzeuger engagiert. Wir haben vier Konzerte in Wien, in Innsbruck, in Linz und im „Kik“ in Ried am Innkreis gespielt.

Wann bist du nach Wien gezogen?
Das war 2003. Ich wollte ursprünglich nur für kurze Zeit hier bleiben. Aber dann habe ich meine Frau hier kennen­gelernt. Im Jahr 2000 war ich eine zeitlang in London. Dort habe ich einen israelischen Saxophonisten getroffen: Gilad Atzmon. Er hat mir damals ge­holfen ein paar Leute kennen zu lernen und einige Verbindungen zu knüpfen. Ich hatte eigentlich den Plan nach ­London zu ziehen. Aber London ist verdammt teuer. Im Gegenteil zu Wien.
Jedenfalls überlegte ich mir nach London zu ziehen als ich dann hier in Wien war. Aber ich war mir nicht wirklich ­sicher, ob ich es machen sollte. Des­wegen ­­suchte ich mir hier in Wien eine Wohnung und fand eine im fünften Bezirk. In der Castelli Gasse (lacht). Das war wohl ein Zeichen und ich entschied mich dann hier zu bleiben.

In welchen Bands spielst du zur Zeit?
Im Moment gibt es zwei fixe ­Projekte: das „Trio of Boom“ und das „Boom Quartet“. Wir werden im wahrscheinlich im Juli in der Roten Bar im Volkstheater und im Birdland spielen. Wahrscheinlich treten wir auch im „Porgy & Bess“ auf. Das ist aber noch nicht fix. Daneben spiele ich noch mit allen möglichen Leuten. Ich muss sagen, ich habe wirklich mit ­einigen sehr netten Leuten gespielt, und das hat mir einige Türen geöffnet.

Du arbeitest doch gerade an einer CD. Erzähl mal ein bisschen davon.
Ja, das ist richtig. Ich arbeite gerade mit meiner Band an einem Album. Ich möchte gerne verschiedene ­Musikstile darauf unterbringen. Ein paar Latin Sachen und ein paar orientalische Einflüsse. Ich weiß aber noch nicht wie ich die Scheibe nennen werde. Im Moment schwanke ich noch zwischen Boom und Temporary Insanity (lacht). Ich denke Temporary Insanity wäre eine gute Beschreibung für einige der Dinge, die so auf der Welt passieren.

Wo willst du die Songs auf­nehmen?
Das weiß ich ehrlich gesagt noch nicht. T-on hat gutes ­Analog­equipment. Aber als Linkshänder habe ich das Problem, dass ich wahrscheinlich einen halben Tag brauche um mein Drumkit so zu ­platzieren, dass ich einen guten Sound bekomme. Aber ich werde nicht ver­suchen das perfekte Album aufzunehmen. Dazu fehlt mir auch die finanzielle Unterstützung eines Plattenlabels. Ich denke den Großteil der Songs werden wir live im Studio einspielen. In der Besetzung Schlagzeug, Bass, Gitarre und Keyboard. Geplant habe ich insgesamt sieben oder acht Stücke aufzunehmen.

Welche Musik hörst du dir eigentlich an?
Joe Zawinul ist einer meiner Helden. Ich höre eigentlich zu unterschiedlichen Gelegenheiten unterschiedliche Musik.Das kommt ganz auf die Stimmung an. Ich mag es nicht, immer nur die gleich Art von Musik zu hören, so wie es einige Musiker tun, die immer nur die gleiche Musik hören und spielen. Ich bin zum Beispiel kein großer Jazzer. Ich kenne nicht ­hunderte von Jazzstandards auswendig, wie es die Jazz-Polizei gerne tut. Ich habe immer Musiker wie John Coltrane bevorzugt, die mit Traditionen brechen. Eigentlich höre ich so ziemlich alles. Der Großteil der Popmusik, die ich mir anhöre ist aus Brasilien, Nord Afrika oder aus dem arabischen Raum. Ich mag auch klassische Musik, Jazz und Fusion sehr gern. Was mich mir immer wieder anhöre sind Frank Zappa und Jimi Hendrix. Ich langweile mich eigentlich ziemlich schnell, wenn ich immer nur die selbe Musik höre.

Welche Musik hörst du dir nicht an?
Musik die nur Klischees erfüllt. Ich bin zum Beispiel kein Country Fan, aber ich mag Johnny Cash. Im Grunde ist es mir aber egal, hauptsache die Musik ist gut. Rap und Hip Hop ist auch nicht so meins. Ich würde es nicht mal als richtige ­Musik bezeichnen, sondern als eine Kunstform, die sich der Musik bedient. Oh well, I don’t like Schlager (lacht).

Welche Schlagzeuger kannst du den Backbeat Lesern empfehlen?
Horacio „El Negro“ Hernandez und Dennis Chambers im Bereich Jazz und Fusion. In der Rockszene gefällt mir Zachary Alford, ein Studiodrummer aus London, sehr gut. Ich mag auch Manu Kache, weil er soviel verschiedene Stilrichtungen spielen kann. Der Wiener Mario Gonzi ist fantastisch. Eigentlich ein Jazzer, aber er spielt alles, sogar Heavy Metal.

Interview: Alexander Schöpf

Fotos: Michael Loizenbauer