Italienisch für Anfänger

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Die Ambient-Rock Band Vanessa Van Basten gehört in ihrem Genre zu den einflussreichsten und beliebtesten Bands Italiens. Morgan Bellini, Gitarrist, Songwriter und Kopf der Band lebt seit kurzer Zeit in Wien und möchte hier den bisher gegangen Weg weiterverfolgen. Für das erste Interview in Österreich besuchte backbeat den leidenschaftlichen Musiksammler in seiner Wohnung in der Porzellangasse.

In seinem neuen Zuhause angekommen, präsentiert Morgan Bellini erstmals seine imposante Platten- und CD-Sammlung die bei genauerer Betrachtung vielmehr an eine Enzyklopedia des Rocks erinnert. Für ihn ist Rockmusik mehr als ein Genre, es ist eine Lebenseinstellung, seine Philosophie der Musik. Sein Bandprojekt Vanessa Van Basten versucht in jedem Song diese Philosophie weiterzutragen. Dementsprechend assoziativ beschreibt Bellini seine eigenen Musik: „Ich würde die Musik als tief, langsam, intensiv, metaphysisch, anti-kommerziell oder einfach als wahrhaftigen Rock ´n Roll beschreiben. Vannesa Van Basten steht für den Versuch, Musik im Geiste der Freiheit zu schreiben und die Instrumente anstatt der Musiker zum Singen zu bringen.“

Die bis auf wenige Ausnahmen instrumentalen Songs versuchen keine Botschaft an sich zu transportieren. Vielmehr geht es Im Grunde um den Versuch „meinen subjektiven Blick auf das Leben einzufangen und diesen dem Hörer zu vermitteln.“ Die Hauptmotivation für sein Schaffen beschreibt er folgendermaßen: „So wie jeder andere Künstler möchte ich nach meinem Leben etwas von meiner Persönlichkeit, etwas von dem ich wirklich überzeugt bin, einfach etwas von Bedeutung hinterlassen.“

Post-Rock und Ambient sind im Gegensatz zu Österreich, im musikalischen Italien ein sehr beliebtes und vielzitiertes Genre und Vanessa Van Basten gehören dabei zu den Wegbereitern. Auf die Frage, ob es in seiner Musik etwas spezifisch italienisches gibt, meint Bellini: „Ja eine Menge, aber das habe ich selbst erst nach einigen Jahren, als ich schon viele Songs für die Band geschrieben habe, bemerkt. Es ist diese typisch italienische Art Gefühle direkt auszudrücken.“ Als seinen größten musikalischen Einfluss sieht er neben der frühen Post-Rock und Grunge Bewegung, den für seine grandiosen Filmmusiken weltberühmten Komponisten Ennio Morricone. „Jeder der seine Musik hört ist beeindruckt von der unmittelbaren Kraft die davon ausgeht. Er ist das beste Beispiel für den italienischen Ausdruck in der Musik“.

Eines gewissen cineastischen Eindrucks kann man sich auch beim Hören der Songs von Vanessa Van Basten nicht erwehren. Was auch die vielen von Fans angefertigten Youtube Videos belegen, in denen Filmszenen, Sequenzen oder animierte Kurzgeschichten mit der Musik der Band unterlegt wurden. Diesen Aspekt sieht auch Bellini, verweist aber auch hier auf den italienischen Einfluss geprägt von Filmen des wohl wichtigsten italienischen Regisseurs, Federico Fellini, „der es wie kaum ein anderer geschafft hat das Bewusstsein, die Leidenschaft und die Passion Italiens einzufangen.“

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Morgan Bellini ist sehr stark mit seiner Heimat verwurzelt und verbindet damit viele angenehme Erscheinungen des Lebens wie das einzigartige Essen, die schönen Frauen und das Meer. Betont weist er aber darauf hin, dass dieses verklärte Italien wohl nicht existiert: „Wenn ich von meiner Heimat spreche, dann meine ich die Zeit vor Silvio Berlusconi. Ein Land, das vor allem für seine Vielfältigkeit und die Freiheit sein Leben nach eigenen Vorstellungen zu leben stand.“ Als Ursache für die lange Amtszeit Berlusconis und den damit verbunden Problemen, sieht er das generelle Desinteresse an Politik der meisten seiner Landsleute. „Nach zehn Jahren Berlusconi-Regierung steckt das Land in einer tiefen Krise. Überall gibt es Armut und soziale Missstände, und auch das Ansehen Italiens im Ausland hat sich sehr verschlechtert.“

Hoffnung auf eine Besserung der Umstände setzt er unter anderem in neue Bewegungen, wie dem Five Star Movement. Die Bewegung tritt vor allem gegen Korruption ein und setzt auf eine ökologisch orientierte Politik. Ihr Gründer, Beppe Grillo, ein berühmter Schauspieler und Komiker, ist mittlerweile der meistgelesenste Blogger in Italien. Dennoch wird der Weg laut Bellini auch nach dem notwendigen politische Wechsel kein einfacher werden: „Es wird viel Zeit benötigen die weitreichenden infrastrukturellen Schäden wieder zu beheben.“

Die Frage ob sich durch sein neues Leben in Wien auch seine Musik verändern wird bejaht er, wenngleich „das Innerste, das Gefühl der Musik dasselbe bleiben wird. Die Veränderungen begründen vor allem darauf, dass ich zwei wesentliche Elemente der Band, meine Rhythm-Section (Anm. d. Red.: Bassist Stefano Parodi und Schlagzeuger Roberto Della Rocca), mit meinem Neuanfang verloren habe.“ Trotz anfänglicher Zweifel, ob er den Sound der Band auch ohne seine beiden Freunde weitertragen kann, arbeitet er derzeit mit einem neuen Drummer und hat mittlerweile ein gutes Gefühl dabei.

Vor wenigen Monaten ist das aktuelle Album der Band „Closer to the Small-Dark-Door“ erschienen. Größere Zukunftspläne sind vorrangig rein privater Natur: „Ich versuche ich hier in Wien mein Leben neu aufzubauen, wofür ich gerade einen Deutschkurs besuche.“ Dennoch wird schon im September dieses Jahres ein neues Album auf dem belgischen Label Consouling Sounds erscheinen. „Das Album wird neben zwei neuen, ausschließlich alte und bisher unveröffentlichte Songs beinhalten, da bis jetzt nur etwa zwanzig Prozent all unserer Aufnahmen veröffentlicht wurden. Derzeit bin ich damit beschäftigt diese Aufnahmen anzuhören und ich bin überzeugt davon, dass es ein gutes Album wird.“

Einen umfassenden Einblick in die österreichische Musiklandschaft konnte der in Triest geborenen Gitarrist bis jetzt noch nicht gewinnen aber ihm sind bereits Besonderheiten der Österreicher im Umgang mit Musik aufgefallen: „Die Menschen hier haben eine sehr andere Herangehensweise beim Hören von Musik. Man hat das Gefühl, dass sie dabei wirklich in die Materie eintauchen. Leider kenne ich keine Post-Rock oder Ambient Bands aus Österreich, aber ich könnte mir vorstellen, dass Musiker hierzulande zu dieser Art von „dunkler“ Musik nur sehr schwer einen Zugang finden, da sie mit zu wenig existentiellen Problemen konfrontiert sind.“ Der tiefe Ausdruck von Unzufriedenheit ist für ihn ein wesentlicher Aspekt von Rockmusik.

Alle Songs des Albums „Closer to the Small-Dark-Door“ wurden in Italien geschrieben und aufgenommen. Dennoch heißt der erste Track des Albums „Prozellangasse“. Die Umstände wie es dazu gekommen ist beschreibt Bellini so: „Ich war zur Zeit als das Album erschienen ist schon in Wien und so erstaunt und erfüllt von dieser Stadt, dass ich diesen Eindrücken zumindest in einem Songtitel Ausdruck verleihen musste.“ Passend dazu endet der Song mit dem einleitenden Monolog aus der Deutsch synchronisierten Fassung von David Lynch´s Kultserie Twin Peaks: „ Das Leben wie die Musik hat einen Rhythmus. Dieses spezielle Lied vor uns, wird mit drei scharfen Tönen enden – wie tödliche Paukenschläge.“

Alle weiteren Infos zur Band gibts auf der offiziellen myspace Seite. Weiters verlost backbeat drei Exemplare des aktuellen Albums „Closer to the Small-Dark-Door“, an diejenige Leser die am schnellsten die richtige Antwort der folgende Frage an info@backbeat.at senden:

Wie lauten die drei (den italienischen Nationalfarben entsprechenden) Zutaten einer originalen Pizza Margherita?

Interview: Alexanader Csurmann

Fotos: Morgan Bellini