Wie Katholiken ticken

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Mit ihrem sensationellen, selbstbetitelten Debütalbum landete die Wiener Band Kreisky vor zwei Jahren einen absoluten Überraschungserfolg. Am 27. März erscheint unter dem Titel „Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld“ die langersehnte zweite Scheibe.

Alexander Schöpf traf die vier Kreiskys – Franz Adrian Wenzl (voc.), Martin Max Offenhuber (git.), Gregor Tischberger (b.) und Klaus Mitter (dr.) – im Café Jelinek im 6. Wiener Gemeindebezirk zu einem ausführlichen Interview.

Das neue Album heißt „Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld“. Hat der Titel eine tiefere Bedeutung oder habt ihr in gewählt, weil er einfach gut klingt?
Franz A. Wenzl: Über die tiefere Bedeutung musst du den Kardinal Schönborn befragen, der wird dir das dann erklären (lacht). Es ist eine Zeile aus dem katholischen Schuldbekenntnis und das passt ganz gut, weil die Texte von einer katholischen Lebensumwelt geprägt sind. Dadurch haben wir dem Ganzen ein bisschen ein Gesicht gegeben.

Ich nehme an ihr wurdet in eurer Jugend alle katholisch geprägt.
Alle: Ja.
Gregor Tischberger: Ich habe sogar ein katholisches Gymnasium besucht.

Seid ihr froh darüber?
G. T.: Wir haben dadurch interessante Einblicke in eine gefährliche Parallelgesellschaft gewonnen: (Gelächter) wie diese Katholiken ticken und wie sie denken, was sie in ihren Gotteshäusern machen, die sie überall hinbauen wollen und wo sie dann Hasspredigten gegen Konsum und Völlerei vom Stapel lassen. Dubios.
Martin Max Offenhuber: Eine Parallelgesellschaft würde ich es aber nicht nennen.

Und was sagt die Kirche nun zum Album?
F. A. W.: Der Schönborn hat mich angerufen und hat gesagt die Platte sei ein bisschen härter geworden als die erste. (lacht)

Hat sich das Songwriting im Vergleich zum ersten Album verändert?
Klaus Mitter: Beim ersten Album haben wir uns einfach so lange Zeit gelassen, wie nötig. Beim neuen Album war es schon etwas geblockter.

War es also schon seit längerem geplant das Album Anfang 2009 zu veröffentlichen?
K. M.: Ja, wir haben uns den Termin schon grob so gesetzt, dass wir darauf hinarbeiten können. Bei uns entstehen die Songs immer gemeinsam im Proberaum. Dieses klassische Songwriting, dass einer mit einer fertigen Idee schon zur Probe kommt, das gibt es bei uns eigentlich nicht. Es ist ein schiaches Wort und darum sollte man es eigentlich auch nicht schreiben, aber die Songs entstehen durchs Jammen.

Wie lange dauert es im Regelfall, bis eine Nummer fertig ist?
K. M.: Im Normfall sind es zwei oder drei Proben. Manche Nummern sind aber auch schneller fertig und bei anderen kann es Monate dauern.

Aufgenommen habt ihr die „Meine Schuld“ vergangenen Herbst im „Fuzzroom“ in Klagenfurt – und zwar live. Wie muss man sich das vorstellen?
K. M.: Wir haben versucht die Proberaum- beziehungsweise Bühnensituation 1:1 zu simulieren. Wir haben dabei wirklich zusammen in einem Raum aufgenommen. Die Stimme und einzelne Gitarren-Overdubs sind dann später noch dazu gekommen.

Wie konzentriert war der Aufnahmeprozess?
K. M.: Ich glaube nach acht Tagen waren die Aufnahmen im Kasten.
F. A. W.: Am ersten Tag haben wir nur aufgebaut und die nächsten drei oder vier Tage haben wir dann aufgenommen.
K. M.: Nach zwei Tagen haben wir schon acht von den elf Nummern, die wir aufgenommen haben, drinnen gehabt. (Zehn Songs haben es aufs Album geschafft – Anm. d. Red.) Die heiklen Nummern haben wir uns für den Schluss aufgehoben. Der Arbeitsprozess ist dann zum Schluss hin langsamer geworden.
G. T.: Wir sind mit der Zeit auch alle kränker geworden. In der Pension, in der wir gewohnt haben, hat der Wirt nicht geheizt.
M. M. O.: Der Schupfbeidl. (lacht) Wir haben uns Heizstrahler gekauft, die wir uns in die Zimmer gestellt haben. Grundsätzlich war’s ja so, dass wir die Nummern fertig geschrieben haben und dann bewusst vor den Aufnahmen noch das eine oder andere Konzert angesetzt haben, wo wir fast ausschließlich die neuen Nummern gespielt haben. Konzentrierter als in einer Live-Situation ist man nie. Auch nicht in einer Probe. So gesehen war das alles dann schon recht kompakt in uns drinnen, wodurch wir sehr zielorientiert aufnehmen konnten.

Wie seid ihr mit dem Album jetzt zufrieden?
F. A. W.: Super Platte!
G. T.: Auch vom Sound her ist sie soviel besser als die erste CD. Sie ist viel organischer und dichter. Das liegt natürlich auch daran, dass wir als Band schon länger zusammen sind.
K. M.: Das erste Album haben wir noch relativ neutral aufgenommen. Da haben wir auch noch nicht gewusst, wo es mit dem Sound hingeht. Wir haben teilweise im Nachhinein noch effektiert – wenn auch nur behutsam. Diesmal war von vornherein ganz klar wie die Platte klingen muss. Da müssen wir auch dem Herwig (Zamernik, Bassist von Naked Lunch und Betreiber des „Fuzzroom“ – Anm. d. Red.) Rosen streuen. Der hat eine gute Erdung …
F. A. W.: … im Nixscheißen.
K. M.: Er hat von Avant Metal bis Indie Pop schon alles aufgenommen und weiß ganz genau, was die Musik braucht.
M. M. O.: Dadurch, dass im „Fuzzroom“ auch einige Amps und Instrumente stehen, haben wir einiges ausprobiert vor dem Aufnehmen, um den perfekten Sound zu finden. Der Gregor hat zum Beispiel mit dem Bass vom Herwig aufgenommen.
G. T.: Der Herwig ist auch einer, der sich nicht schreckt, wenn man mit irgendeinem argen Kast’l ankommt und einen argen Sound macht.
M. M. O.: In der Regel hat er dann noch irgendein ärgeres Kast’l. (lacht)
K. M.: Wenn ich nicht auf meinem Schlagzeug gespielt hätte, dann hätten wir wahrscheinlich eh auf der kompletten Naked Lunch Backline das Album eingespielt. (lacht)

Spielst du das Schlagzeug mit Klick ein?
K. M.: Das hab ich diesmal nur bei einer Nummer gemacht. Das war glaub ich „Glitzer“, aber da haben wir sowieso ein bisschen mehr rumgetüftelt. Wir wollten diesmal einfach dieses Zusammenspielen mehr in den Vordergrund stellen. Bei der ersten CD hätten wir es niemals geschafft, dass es halbwegs in time ist. Das ist jetzt aber auch nicht. Ich finde es relativ schwierig zum Klick zu spielen und gleichzeitig mit der Band zu spielen. Ein guter Schlagzeuger kann das natürlich.
G. T.: Solche Schlagzeuger spielen dann bei Bands wie Toto. Die verdienen auch mehr wie wir. (lacht)

Welche Bedeutung haben die Texte für eure Musik? Wollt ihr inhaltlich was rüberbringen, oder geht’s nur darum, dass der Text gut klingt?
F. A. W.: Eigentlich beides. Die Gesamtwirkung muss stimmen.
G. T.: Ein Lied ist gute Musik und ein guter Text. Nur ein guter Text ist ein Gedicht und nur gute Musik …
F. A. W.: … ist Instrumentalmusik.

Heute abend (13. März – Anm. d. Red.) ist die Live-Präsentation der neuen CD im Flex und im April gibt es dann eine kleine Österreich-Tournee. Wie wichtig ist es euch live zu spielen?
K. M.: Es ist schon sehr wichtig für uns und auch die einzige Möglichkeit um ein bisschen Kohle zu machen. Aber mit dieser Musik kannst du natürlich nicht jeden Heustadel spielen. Es gibt somit schon sehr schnell Grenzen, und dann hast du ziemlich bald jedes Lokal drei Mal gespielt.
M. M. O.: Die Grenze ist die Stadtgrenze von Wien.
K. M.: In Deutschland ist einiges in Planung, aber die warten natürlich nicht auf österreichische Acts.

Hat euch die Deutschland-Tournee im Vorprogramm von Madsen was gebracht?
F. A. W.: Es war eine extrem interessante Erfahrung.
K. M.: Zudem war es lustig einmal in Hallen dieser Größenordnung zu spielen.
M. M. O.: Es war auch nicht unbedingt unser Zielpublikum. Aber die Erfahrung, dass man sich auch vor einem relativ großen Publikum nicht in die Hosen machen muss, war schon interessant.

Wie waren die Publikumsreaktionen?
G. T.: Von bis.
K. M.: Den Münchnern hat es tendenziell getaugt. Was auch daran liegt, dass FM4 in Bayern noch empfangen wird. Dafür hat es in einigen anderen Städten nicht so gut funktioniert.
M. M. O.: Wir haben uns auch ein paar Feinde fürs Leben eingehandelt, die uns treu geblieben sind und immer noch negative Kommentare auf Youtube posten.
F. A. W.: „Der Sänger kokst!“, zum Beispiel.

In einigen Interviews bezeichnet ihr euch als Albumband. Ist das in Zeiten von iTunes noch zeitgemäß?
G. T.: An so was darf man sich nicht orientieren. Die Musik sollte nicht dem Marketing folgen. Unser Medium ist in Wirklichkeit die Vinylschallplatte.

Seid ihr eine demokratische Band?
G. T.: Wir sind eine diskursive Band. Es wird sehr viel ausgeredet und ausdiskutiert.

Ich glaube Axl Rose hat einmal gesagt, dass eine Band zu führen wie Autofahren ist. Wenn sich vier oder fünf Leute gleichzeitig hinters Steuer setzen, dann gibt es früher oder später einen Unfall.
M. M. O.: Es gibt bei uns schon meist einen der ein bisschen mehr anzieht als die anderen.
F. A. W.: Einen Fahrerwechsel quasi. (lacht)
M. M. O.: Und vor allem, dass der Axl Rose so was sagt. Der ist schon vor vielen Jahren falsch abgebogen. Falsch abgebogen mit den falschen Leuten und dann am Straßenrand aufgelesen.

Postpunk und Indiepop sind die geläufigsten Bezeichnungen, die im Zusammenhang mit eurer Musik genannt werden. Wie beschreibt ihr euren Sound?
F. A. W.: Superspace absolutely great Rock’n’Roll Music. (Gelächter)
G. T.: Ich sag immer schlecht gelaunte Musik mit deutschen Texten, wenn ich es auf den Punkt bringen soll. Man braucht natürlich eine Schublade um es den Leuten vermitteln zu können.
K. M.: Auf MySpace gibt es eine Latte an vorgegebenen Musikstilen, die man auswählen kann. Davon kann man sich dann drei rauspicken. Neulich wollte ich bei unserem Profil „Indie“ mit „Boogie“ tauschen, aber es gibt keinen „Boogie“ bei MySpace! Da gibt es Kategorien wie „Tropical“ und „Christian Rap“, aber es gibt keinen „Boogie“.

[youtube:http://www.youtube.com/watch?v=TxjZEJRPvww]

Erste Single-Auskoppelung ist der Song „Asthma“, zu dem es auch bereits ein Video gibt. Wählt ihr die Single selber aus, oder macht das Wohnzimmer Records?
F. A. W.: Eigentlich könnten wir’s schon selber aussuchen, aber wir können uns da nicht immer einigen.
K. M.: Wir horchen schon auf die Meinung vom Label, weil die in der Regel schon wissen was funktioniert und was nicht.
F. A. W.: Wenn du dir in Österreich eine Single aussuchst, dann kannst du es dir nach dem Geschmack von drei Leuten auswählen, und zwar von denen, die bei gotv und FM4 das Programm machen.

Wieso seid ihr auf der Bühne eigentlich immer so gut angezogen? Seid ihr das den Fans schuldig?
K. M.: Das ist man sich selber schuldig.
F. A. W.: Man muss sich schon ein wenig von den Kabelträgern unterscheiden. (lacht) Es ist ja auch ein bisschen Show. Wenn man auf die Bühne geht, dann will man auch etwas bieten.

Der Entertainmentfaktor ist euch also wichtig.
F. A. W.: Auf jeden Fall.
G. T.: Es ist ein gutes Arbeitsgewand und man kommt in einen guten Modus. Und das nicht nur auf der Bühne, sondern bereits wenn man sich den Anzug anzieht und in den Tourbus steigt.
K. M.: Man kann ein ganzes Wochenende in so einen Anzug reinschwitzen und man sieht immer noch besser aus, als wenn man sich sonst was anzieht.
G. T.: Man wird auch auf Tankstellen und Raststätten lustig angeschaut, wenn plötzlich vier Typen im Anzug reinspazieren.

Probt ihr auch mit den Anzügen?

K. M.: Dafür sind sie dann wieder zu schade. (lacht)
G. T.: Ich versuche das schon durchzusetzen, dass keine kurzen Hosen bei der Probe getragen werden. Aber es gelingt mir nicht immer.

Abschließende Frage: Wie seit ihr auf den Namen Kreisky gekommen?

K. M.: Der Name Kreisky besitzt in Österreich doch eine gewisse Ausstrahlung.

Dann könntet ihr euch ja nach den Ereignissen im letzten Jahr in Haider umbenennen.

(Gelächter)
K. M.: Vielleicht sollten wir ein CSU-Modell anstreben, dass wir in Kärnten als Haider, und im restlichen Österreich als Kreisky auftreten.
F. A. W.: Da würden wir dort wahrscheinlich in jedem Stadel spielen können.
M. M. O.: Stell dir einmal die Schlagzeilen vor: Kreisky nennen sich jetzt Haider und spielen Rechtsrock.

Interview: Alexander Schöpf

Foto: Ingo Pertramer

www.kreisky.net

www.myspace.com/kreisky