Jammern auf hohem Niveau: Naked Lunch – All Is Fever

Die Klagenfurter Borroughs-Adepten gehen wieder dorthin, wo’s weh tut. Zehn Songs lang klopfen Naked Lunch nicht weniger als den Gesamtumfang möglicher Lebensentwürfe ab. All Is Fever reüssiert als prächtiges Biopic für die Ohren, das man aber an manchen Stellen von allzu schwerer Schicksalstracht entbunden sehen möchte. Von Martin Macho

Kein bloßer Happen für zwischendurch; das mittlerweile sechste reguläre Studioalbum wartet mit harter Kost auf. Oberflächlichkeiten interessieren nicht, Weltschmerz verlangt das Anbohren tiefer liegender Schichten. Erst hier kann etwas hervorbrechen, dem das Attribut echt zusteht. Naked Lunch filtern und sortieren das Subkutane nicht, All Is Fever räumt jedweder Regung, jedem Verrennen und jeder Irrung, dem Gedeihen und Verderben Platz ein.

Wenn auch die Band den Titel eines zentralen Werks der Beat-Generation in ihrem Namen trägt, deren Arbeitsweise scherte Naked Lunch hier anscheinend einen feuchten Kehricht. Das frei Assoziative der Beatniks, ihr gestalterisches Ideal, der erste Einfall sei immer der beste, ihr auch gedankliches Unterwegs sein, welches sich nicht lange an einem Geistesinhalt aufhält – zumindest musikalisch ist auf All Is Fever von alledem keine Spur. Dieses Album ist Ergebnis monatelanger Tüftelei, ist Fundstück auf der Suche nach dem perfekten Sound.

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Der gewählte Klangkosmos, während des letzten Jahres im Fuzzroom Studio von Bassist Herwig Zamernik entstanden, ist sicher nicht frei von Pathos. Naked Lunch verstehen sich jedoch gut darauf, Song und Sound durchwegs wie aus einem Guss wirken zu lassen. Der Eindruck, die Opulenz verhilft zum Hinwegschwindeln über mittelmäßiges Liedmaterial, entsteht an keiner Stelle. Fraglich, ob uns etwa der wiegende Singlevorbote und FM4-Chartstürmer The Sun in einer abgespeckten Form auch die volle Breitseite verpassen würde. Genau so war es nämlich ursprünglich geplant. Weniger ist manchmal mehr? Geschenkt, wenn der Himmel weint, soll’s ruhig donnern.

Darüber bettet sich Oliver Welters fragile Stimme in stiller Agonie, macht aber stets an der Schwelle zur Wehleidigkeit Halt. Die Schwere der Themen vermag zu bewegen, indes besteht etwa ab Track fünf bis sechs akute Übersäuerungsgefahr. Lieder mit Namen wie Dreaming Hiroshima, Hammer It All oder die Schlussnummer (!) The Funeral können vorab schon keinen überschwänglichen Frohsinn verbreiten. Im finalen Begräbnissong selbst klingt das dann so: Take care for yourself/I am so sorry but I need to go/I didn´t want to hurt you at all/But my show has come to an end. Na bumm.

Naked Lunch legen mit All Is Fever eine der konsequentesten Normierungen auf ein sentimentales Leitmotiv vor. Grausam überwältigend wie ein plötzlicher Fieberschub funktioniert das Amalgam aus Werkshallen-Gestanze, James Horner-Filmmusikhymnen und keltischem Flair als Soundtrack eines ausufernden Totentanzes.

All Is Fever erschienen bei

Tapete Records

Veröffentlichungsdatum Österreich: 01.02.2013

Offizielle Webseite:
www.nakedlunch.de

Fotos: Ingo Petramer, Tapete Records