Rock Werchter 2008

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Es ist nicht mein erstes Mal. Ich weiß bereits, wie es geht, was zu tun ist. Die Vorbereitungen habe ich bereits zehn Mal getroffen, die Aufregung aber, das Kribbeln im Bauch, das alles bleibt. Rock Werchter 2008, mein großes Fest, mein persönliches Weihnachten, kann beginnen!

 

Nivea – für die trockene Haut und
Slayer – für die rockende Braut
(Fischmob)

 

Mittwochs fliege ich von Wien nach Brüssel und niste mich für eine Nacht bei einer Freundin ein. Die Stadt empfängt mich wie üblich warm und offen, Brüssel strahlt diesen ganz eigenen Charme aus, eine Mischung aus Weltoffenheit und Geborgenheit, international und doch so typisch belgisch. Am Abend gönnen wir uns eines der tausend berühmten belgischen Biere in einer der vielen Brüsseler Bars. Charmant sind die Lokale hier, mein Blick schweift über liebevolle Einrichtungsdetails und eine Menge fröhliche Gesichter, trotz des Regens. Die Leute hier sind gut gelaunt, den ständigen Sprachwechsel gewohnt und so müssen wir uns fast zum Heimgehen zwingen, in freudiger Erwartung der Anstrengungen, die da in den nächsten Tagen au uns warten.

Duschen am Donnerstag. Nach einer ausgiebigen Dusche starten wir Donnerstag gegen Mittag in Richtung Festivalgelände. Ein bisschen wie nach Hause kommen fühlt es sich an, als ich die Wiese betrete. Fast möchte ich den Boden küssen, auf dem ich die nächsten vier Tage verbringen und über sechzig verschiedene Bands sehen werde, beherrsche mich aber – auch weil es angefangen hat zu regnen und der Boden sich langsam aufweicht – und widme mich Air Traffic, die das Festival eröffnen. Was noch niemand weiß: sie werden am nächsten Tag noch einmal auf dieser riesigen Bühne stehen dürfen, die Babyshambles werden, oh Wunder, ihren Gig absagen. „Pete Doherty is in trouble with the law“. Aber noch ist Donnerstag, noch trinke ich vergnügt mein Stella Artois oder mein Kriek, ein fast saftartiges Weichselbier, das äußerst erfrischend wirkt und mir Kraft gibt für REM, Soulwax, The Chemical Brothers u.v.m. Irgendwann lande ich dann erschöpft und glücklich in meinem Zelt.

Freitag Morgen. Der Kopf fühlt sich ein bisschen an wie ein Kürbis, die Schlange vor den Duschkabinen ist mir eindeutig zu lange und ich entscheide mich für die elegante Katzenwäsche. Zwei Becher Kaffee später begebe ich mich erneut auf die Festivalwiese, wo ich mich zuerst an den belgischen Senkrechtstartern The Black Box Revelation ergötze. Dann, während Slayer all ihre Wut aus den Gitarren wummern lassen, entdecke ich meinen neuen Lieblingsstand. Habe ich mich in den letzten Jahren ausschließlich von Pommes mit Mayo und sonstigen fetten Delikatessen ernährt so hat das Alter mir eine gewisse Liebe zur Dekadenz beschert: Mein Frühstück für die nächsten Tage setzt sich also zusammen aus frischen Austern und einem Becherchen Prosecco – man gönnt sich ja sonst nichts. Und so, frisch gestärkt durch salziges Eiweiß, bin ich bereit für The Verve, dem gar nicht mehr jungen Neil Young und die Sensation des Abends, Energiebündel Moby, der es perfekt versteht, mit seiner Show 70.000 Menschen mitzureißen.

Samstag. Schon vor dem ersten Kaffee werde ich traurig wenn ich daran denke, dass schon zwei Tage vergangen sind. Meine Haare sind bereits etwas verfilzt und auch bei meinen Mitstreitern bemerke ich erste Verfallserscheinungen. Rote Sonnenbrandflecken zieren diverse Schultern, kaum ein Schuh kommt ohne braune Schlammflecken aus und die morgendliche Frische strahlt nur noch aus Gesichtern von 1-Tages-Pass-Besitzern. Doch der Laune tut all dies keinen Abbruch. „Was ich nicht weiß macht mich nicht heiß“ ist die Devise, und Spiegel gibt es Gott sein Dank keine. Nur manchmal erschrecken mich Fotos auf Digi-Kamera-Displays, den Schock spüle ich mit einem Kriek schnell hinunter und schwinge die Hüften zu Gossip, deren Sängerin Beth mich umhaut. Energie pur strahlt der dicken Dame aus jeder Pore, da mischt sich sympathischer Punk mit frechen Sprüchen und schnellen Beats, so muss Festivalmusik klingen.

Dann die Editors, die zwar das Rad nicht neu erfinden, es aber sehr gut zu benutzen wissen und Kate Nash, die ich mir noch etwas rotziger erwartet habe, die aber eine einwandfreie Show liefert. Und dann schreitet Roisin Murphy auf die Bühne, eine Dame von Welt und für mich der beste Gig von Rock Werchter 2008. Die Moloko-Frontfrau ist Sängerin und Entertainerin, bei ihr wird die Bühne zum Zirkus und der Zuschauerraum zur Disco. Und während oben die Hüte und Outits gewechselt werden und drei Damen sich aneinander reiben wippt unten jeder Körperteil automatisch zu den sprühenden Beats. Wir verlassen Roisin etwas wehmütig und wechseln zu Radiohead, die mich äußerst positiv überraschen. Ein bisschen sudert Tom Yorke zwar doch, aber trotz allem sind hier Profis am Werk. Perfekter Sound, perfektes Licht, perfekte Visuals und eine perfekte Songauswahl bilden einen perfekten Abschluss für den Tag.

Sonntag. Inzwischen trage ich ein Haarnest auf meinem Haupt und mein Jil Sander Deo wird zur Farce. Das Ende ist nahe und bei meinem letzten Austernfrühstück freue ich mich trotz wachsender Sentimentalität auf das Line Up. DeVotchKa überzeugen mich mit einer schunkeltauglichen Fusion aus Balkan-Folklore, Rock und Punk, die mir ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Anouk macht ihrem Image als perfekte Rockschlampen-Mutter alle Ehre und lässt ihre Kinder nach Lust und Laune auf die Bühne laufen. Die Kleinen haben sichtlich Spaß an ihrem Auftritt und ahnen wohl nicht, dass ein jeder Jungmusiker viel dafür geben würde, wie sie auf der riesigen Bühne zu stehen. Sofort nach ihrem Konzert rase ich ins Marquee-Zelt und komme noch gerade rechtzeitig zu Hercules & Love Affair, wo ich eine zur Disco-Pop-Mucke shakende Meute vorfinde, die mich freudig aufnimmt. Von hier an geht es ohne Pause weiter bis zum bitteren Ende. Nick Cave rockt mit Grinderman, die Kaiser Chiefs beweisen einmal mehr ihre absolute Festivaltauglichkeit, bei Beck bin ich mir nicht sicher, ob er mit Devils Haircut mich oder sich meint. Und dEUS … da braucht es wohl keine Worte …

Ich kaufe mir ein letztes Bier, schaue mir das riesige Feuerwerk über der Bühne an und rieche verbranntes Plastik, ein Geruch, der von den kleinen Feuern kommt, die allenthalben auf der Festivalwiese angezündet werden. Und wieder einmal verbinden sich in mir Glück und Trauer zu jenem seltsamen Gefühl, das ich aus Kinderzeiten kenne, wenn die Kerzen am Christbaum ausgeblasen werden und ein Jahr so schrecklich lange erscheint.

 

Text: Nicola Puchas

Foto: „xellavie