Schlaginstrumente in der Kunstmusik – Ein geschichtlicher Überblick Teil I

holbein_xylophon.gifHans Holbein d.j. (1497-1543) Die Edelfrau/Das alte Weib
Hans Holbein d,j, (1497-1543) Holzschnittfolge, Bilder des Todes, Die Edelfrau/ Das alte Weib

Im Jahre 1511 bezeichnete der deutsche Sänger, Komponist und Musiktheoretiker Sebastian Virdung das Schlaginstrumentarium als eine Erfindung des Teufels und bemerkte, dass diese: „ein nydertruckung aller süssen melodeyen und der gantzen Musica“ bewirken würden. Diese Wertung entspracht ganz der Musikästhetik der neuzeitlichen europäischen Musik, in der Schlaginstrumente eine untergeordnete Stellung einnahmen.

Im Vergleich mit den antiken und außereuropäischen Kulturen war das Schlaginstrumentarium des europäischen Mittelalters und der Renaissance quantitativ geringer, dürfte aber weitaus bedeutender gewesen sein, als vermutet. Bei Musiktheoretikern fanden es wie eingangs erwähnt, wenig Beachtung und eine generell negative Bewertung.

Ihren Höhepunkt erlebten Ideo- und Membranophone im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts. Sie machten um diese Zeit, in etwa 20% des Gesamtinstrumentariums aus. Im 16. Jh. gehen die Quellennachweise stark zurück und die Ausgliederung aus dem Instrumentarium der Oberschichten erfolgte. Zu dieser Zeit waren diese nahezu ausschließlich in der Gebrauchsmusik zu finden. Zur Aufführungspraxis und Spieltechnik können nur Vermutungen angestellt werden, da Rhythmusinstrumente im Mittelalter nie notiert wurden. Der nachweisbare orientalische Einfluss auf das europäische Schlagwerk legt jedoch die Vermutung nahe, dass auch kompliziertere Rhythmen gespielt wurden.

Das Schlagwerk behielt auch ab dem 17. Jh. in vielen kulturellen Bereichen z. B. als Volks-, Brauchtums-,Militär-, oder Kinderinstrument, seine Funktion, jedoch innerhalb der Kunstmusik fand man es eher selten. Lediglich die Kesselpauken eroberten sich als Membranophone mit bestimmter Tonhöhe einen festen Platz im Orchester. Weitere Perkussionsinstrumente bezogen die Komponisten nur hin und wieder als Kuriosum oder exotische Zutat in ihre Werke ein. Georg Friedrich Händel fand am Glockenspiel gefallen und lies es 1738 in seinem Oratorium Saul erklingen. Volksinstrumente kamen in Werken mit entsprechender Thematik zu Gehör. So kamen Peitschen und Schellen in Leopold Mozarts Schlittenfahrt(1755) zum Einsatz. An den Opern und Theatern nutzte man das Schlagzeug für spezielle Effekte. Ratschen und große Trommeln wurden zur Darstellung von Donnergrollen und Gewitter verwendet.

Die wichtigsten Anregungen zur Einbeziehung von Schlaginstrumenten in orchestralen Werken kamen aus dem Bereich der Militärmusik. Die Schlaginstrumente der türkischen Kapellen (Janitscharenmusik) – Große Trommel, Triangel, Becken – wurden mit Begeisterung von europäischen Regimentern übernommen. Obwohl es diese Janitscharenkapellen schon im 17.Jh. an europäischen Höfen gab, kamen Becken, Triangel und Große Trommel erst in der zweiten Hälfte des 18. Jh. meist in Bühnenwerken mit orientalischem Sujet die Orchester (z. B. bei W.A. Mozarts Entführung aus dem Serail 1782). Bald darauf wurden diese auch in sinfonischen Werken vermehrt eingesetzt.

In der ersten Hälfte des 19 Jh. kamen allmählich weitere Perkussionsinstrumente zur Anwendung; besonders in Frankreich zeigten sich die Komponisten empfänglich für das Einbeziehen neuer Effekte. Becken, Triangel und Trommel setzte man dort als eigenständige rhythmische Komponenten ein, ohne an Militärmusik erinnern zu wollen. Gleichzeit stiegen natürlich auch die Anforderungen an die Schlagzeuger, da sie nun mehre Instrumente beherrschen mussten. Der französische Komponist Hector Berlioz gebrauchte eine Vielzahl von Schlaginstrumenten. Er wollte für sein Werk Grand Traité d´instrumentation op.10, das er Mitte des 19 Jh. komponierte, eine für damalige Zeit gigantische Schlagwerk Besetzung zusammenstellen. Diese bestand aus: 8 Paar Pauken, 6 Kleine, 3 Große Trommeln, 4 Paar Becken, 6 Triangeln, 6 Glöcken Instrumente, 12 Paar antike Zimbeln, 2 großen Glocken, 2 Tamtams und 4 Halbmonden (Schellenbäume).

Eine dermaßen große Besetzungen konnten sich in den Orchestern dieser Zeit zwar nicht durchsetzen, aber gegen Ende des 19 Jh. hatten sich folgende Schlaginstrumente im Orchester schon fest etabliert: Pauken, Kleine, Große Trommel, Triangel, Becken, Tamtam, Tamburin, Kastagnetten, Glockenspiel, Xylofon, mitunter auch Röhrenglocken und antike Zimbeln.

Entführung aus dem Serail-Der Janitscharenchor

Text: Alexander Csurmann

Quellen: MGG, Bärenreiter Metzler