Vom Experimentieren und Shufflen: Leyya’s Schlagzeuger im Interview

 

 

Normalerweise werden bei Leyya immer Marco und Sophie ausgefragt. Nicht so in diesem Interview! Wir haben uns mit der schlagzeugende Hälfte der Band in Graz getroffen und mit ihnen gesprochen. Das sind Marco Kleebauer, der in der Band Gitarre spielt, produziert und so manche Beats selbst im Studio einspielt und David Raddish, der live drummt und neben Leyya auch mit der Sängerin Nomfusi auftritt und die Alben einiger namhafter Bands, wie Moop Mama und folkshilfe produziert hat.

Ihr seid gerade etwa bei der Hälfte eurer Herbsttour. Wie geht’s euch?

David: Am Anfang unserer Tour sind wir direkt nach England gefahren. Da haben wir lange Zeit im Bus verbracht und ich finde auf Tour ist das Anstrengende meistens die Fahrerei. Jetzt hatten wir aber ein paar Tage frei und ich fühle mich wieder gut erholt.

Marco: Dem kann ich mich nur anschließen.

Ihr produziert beide Musik. Was ist euer musikalischer Hintergrund, wie habt ihr damit angefangen?

David: Bei meinen ersten Bands habe ich immer die Rolle des Produzenten übernommen. Als die Gagen ein bisschen besser geworden sind, konnten wir besseres Equipment kaufen und unsere Möglichkeiten erweitern. Mein erster größerer Auftrag war Mooptopia, das letzte Album von Moop Mama, den ich bekommen habe, nachdem ich bei ihnen zwei Jahre als Substitut die Basedrum gespielt habe. Seitdem kommen immer mehr Anfragen von Bands aus Österreich und Deutschland herein. Zuletzt habe ich mit folkshilfe gearbeitet und jetzt arbeite ich schon wieder am neuen Moopmama Album. Seit zwei Jahren ist die eine Hälfte meines Jobs Schlagzeugspielen und die andere Produzieren.

 

Und wie hast du das gelernt?

David: Ich habe mit dreizehn oder vierzehn Jahren das erste Mal Schlagzeug aufgenommen, damals noch mit einem Kassettendeck. Danach habe ich mir ein Behringer Mischpult gekauft und mit meiner ersten Musiksoftware, Reason, gearbeitet. Mit sechzehn habe ich dann begonnen Ableton zu verwenden. Parallel zum Schlagzeugspielen in Bands habe ich selbst Songs geschrieben. Besonders wichtig war, dass ich immer mit Tontechnikern gequatscht habe. Auf Tour habe ich immer die Tontechniker, die mit uns mit waren, ausgequetscht. Später habe ich dann Schlagwerk als Hauptfach mit dem Schwerpunktfach Musik- und Medientechnologie in Linz studiert.

 

Wie war das bei dir, Marco?

David: Ich glaube beim Marco hat es keine Kassetten mehr gegeben.(lacht)

Marco: Ich muss sagen, ich schätze das immer mehr in einer Band zu sein, in der die Musiker nicht nur ihr Instrument spielen, sondern auch produzieren. Musiker, die nur ihr Instrument den ganzen Tag lang üben, tendieren dazu, das Große und Ganze aus den Augen zu verlieren. Aber um zurück auf die eigentliche Frage zu kommen: Ich habe etwa mit elf Jahren begonnen aufzunehmen. Ich hatte kein Kassettendeck, sondern habe das Schlagzeug mit einem Gitarren-Multieffektgerät aufgenommen. Mit einem Klinkenadapter habe ich ein Singstarmikrophon in das Gitarreninterface gesteckt. Die Herausforderung dabei war es, eine Einstellung zu finden, bei der das nicht total verzerrt und schrecklich klang. Am Anfang war ich recht frustriert, weil ich nicht umsetzen konnte, was ich im Kopf hatte. Ich habe aber nicht aufgegeben und als ich mehr Geld hatte, konnte ich auch besseres Equipment kaufen. Außerdem war ich in Linz am BORG für Popularmusik im Zweig Musikelektronik und da habe ich viel über das Produzieren gelernt.

 

Gab es bei dir anfangs auch frustrierende Momente, David?

David: Ja, sicher! Ich habe meine ersten Tracks teilweise in die Schule mitgenommen und meinen Klassenkameraden vorgespielt. Das ist überhaupt nicht gut angekommen.(lacht) Beim Produzieren geht es darum, die Sounds, die man im Kopf hat, umzusetzen und am Anfang fehlen einem die Fähigkeiten und das Equipment dafür.

 

Es hört sich immer so an, als wüsstet ihr genau, wie sich eure Musik anhören soll. Wie ist das zustande gekommen, dass ihr wisst, wo es hingehen soll?

Marco: Also ich glaube vor allem was das Schreiben betrifft, wussten wir das lange nicht. Wir haben viel probiert und sind oft gescheitert, auch bei der Liveumsetzung. Am Anfang ist man oft so naiv und denkt eine Idee funktioniert, aber in Wahrheit tut sie das nicht. Um herauszufinden, was wir machen wollen, haben wir viel experimentiert. Natürlich spielen wir trotzdem Popkonzerte, die in erster Linie die Funktion erfüllen sollen, dass die Leute sich gut fühlen und tanzen können. Mit dem Experimentieren bringen wir aber eine Ebene hinein, die es vielschichtiger und für uns jeden Abend interessant macht. Wenn man jeden Tag dasselbe spielt und die Musik nicht schon in sich selbst interessant ist, dann wird das relativ schnell langweilig, für uns und auch für die Zuseher. Deshalb ist in unserem Live-Set auch nicht alles fix ausgemacht. Wir haben schon einen gewissen Spielraum, wo wir, je nachdem, wie wir uns an dem Abend fühlen, variieren können. Bei uns gibt es, was das Schlagzeug betrifft, gerades Phrasing und ein paar Songs, die ein bisschen geshuffelt sind. Beim Shuffle ist es Gefühlssache, wie weit die Noten voneinander entfernt sind. Sobald man merkt, der Drummer spielt das heute anders, passt man sich an und das bekommt dadurch immer eine neue Dynamik.

David: Witzig, dass dir das auffällt, ich hätte gedacht, das fällt eh keinem auf. (lacht) Bei mir ist es immer noch ein Suchen, nach etwas, das sich noch ein bisschen besser anfühlt oder besser passt. Ich beschäftige mich seit längerem schon mit Phrasing und andere Details. Zwischen geradem Phrasing und Shuffle liegt ein ganzes Universum. In letzter Zeit finde ich auch traditionelle afrikanische Musik sehr spannend. Da gibt es zum Beispiel die Drummers of Burundi oder eine senegalesische Trommelgruppe, die alle ein sehr eigenes Phrasing verwenden. Es kommt vor, dass ich am Vortag zu den Drummers of Burundi gespielt habe, zum Beispiel Sechzehntel auf der Hi-Hat und der Song, den wir mit Leyya live spielen, ist etwa in demselben Tempo und auf einmal fühlt sich das Spielen anders an. Die Band spürt das dann auch und geht mit.

Marco: Musik wird heute meistens auf Computern gebastelt, die nur 0 und 1 kennen. Da wir doch auch elektronische Musik machen, finde ich es umso wichtiger zu hinterfragen, was zwischen 0 und 1 passiert. Ich denke, da sind wir alle gleich in der Band.

 

Seid ihr dann auch beim Songwriting alle auf einem Nenner?

Marco: Ja, sonst fliegen die Fäuste. (lacht) Wir sind nicht die Typen, die lange diskutieren, sondern wenn jemandem etwas nicht gefällt, passt das und wir machen etwas anderes.

David: Und wenn jemand eine Idee hat, wird die auf jeden Fall ausprobiert.

Marco: Und jeder respektiert den anderen. Wenn jemand in der Band etwas gut findet, das mir nicht gefällt, denke ich nicht, dass das Schwachsinn ist, was er sagt. Der Sophie muss es natürlich auch gefallen. Sie schreibt die Texte und muss durch die Musik inspiriert werden. Wir hatten schon viele Ideen, bei denen die Sophie gesagt hat, sie spürt es nicht und das passt dann auch so.

David: Die Musik hat auch nur ihre Berechtigung, wenn sie inspiriert.

 

Das heißt, ihr habt eine hohe Bereitschaft Sachen zu verwerfen?

Marco: Ja, ich mache das sogar gerne. Ich finde das total befreiend, wenn ich etwas in den Papierkorb ziehe und dann lösche. Dann denke ich mir: „Heute war ein guter Tag.“ (lacht) Nein, oft ist es einfach gut, wenn man etwas löscht. Ich komme nicht weiter, wenn ich tausend Sachen im Kopf habe. Wenn es beim ersten Mal nicht funktioniert, wird es das beim zwanzigsten Mal auch nicht. Das ist mein Ansatz.

David: Ich glaube, da ist ein kleiner Unterschied zwischen Marco und mir. Ich werfe keine ganzen Ordner in den Papierkorb. Wenn ein Song nicht funktioniert, mute ich Teile und suche nach dem Material, das ich wirklich cool finde. Dabei sind auch schon gute Sachen entstanden.

 

Interview: Mira Achter

Foto: Max Hartmann