Von der Handschrift zum Urgroove

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Jürgen Bauer ist Schlagzeuger der in Wien ansässigen französischen Band Plexus Solaire und Maler. Im Interview mit Alexander Csurmann erzählt er, wie es zu diesem doppelten Künstlerdasein kam und was beides miteinander verbindet.

Du bezeichnest dich selbst als Grafiker und Musiker. Lebst du von diesen Tätigkeiten oder musst du neben diesen auch einer geregelten Arbeit nachgehen?
Meinen Lebensunterhalt verdiene ich mit der Grafik. Nach dem Abschluss der Malerei- und Grafik Design Hochschule in Innsbruck bin ich nach Wien gekommen, um die Akademie für Malerei zu besuchen, doch habe ich damals die Aufnahmeprüfung nicht geschafft. Und so habe ich recht bald mein Brot als „normaler“ Grafiker verdient, was mir auch wirklich Spaß macht. Ich wusste aber schon, dass ich der Malerei auch ohne eine spezielle akademische Ausbildung nachgehen kann und meinen Weg finden werde.

Wer oder was, hat dein Interesse für die Bildende Kunst geweckt?
Die Malerei hat mich schon immer bewegt und berührt. So hab ich schon als Kind immer irgendetwas gekritzelt oder Männchen gezeichnet und das hat sich über den Besuch der grafischen Schule hinaus weitergezogen. Für die Bildende Kunst habe ich mich erst später begonnen zu interessieren, weshalb ich mich dann auch für die Akademie bewerben wollte.Künstler, die mein Interesse für die Malerei geweckt haben, waren zum einen Arnulf Rainer und ein Maler, der bei uns in Schwaz gelebt hat: ……

Viele deiner Arbeiten beschäftigen sich mit dem Verlust von Persönlichkeit und Individualität in einer sich rasant wandelnden Welt, die Kommunikations- und Informationsaustausch immer stärker über digitale Medien betreibt. Wo siehst du hier Handlungsbedarf? Was sollte sich ändern? Und versuchst du mit deinen Arbeiten etwas zu erreichen? Oder ist es eine rein persönliche Verarbeitung deiner Gedanken zu dieser Thematik?
Was mich immer schon beunruhigt und beschäftigt hat, ist, was diese ganzen elektronischen Kontroll- und Überwachungssysteme – oder generell die neuen Medien – beim einzelnen verursachen und anstellen. So sehe ich den Verlust von Individualität darin begründet, dass sehr vieles in gleiche Schemata gepresst wird. Generell neigen Systeme dazu, Dinge in Schemata einzuteilen. Mich damit zu beschäftigen, war und ist mir sehr wichtig.
Bei meiner Serie „Überlagerungen“(aus dem Jahr 2007, Anm. d. Red) habe ich mich intensiv mit Handschrift auseinandergesetzt und bin einen Schritt zurück gegangen. Das heißt, ich habe bemerkt, dass ich selber meine Handschrift immer mehr verloren habe. Dann habe ich begonnen, diese in die Gemälde einzubringen und danach weiter überlagert. Die Arbeiten waren speziell. Es ist eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit dieser Thematik, weil es dabei um den Verlust eines Aspekts meiner eigenen Individualität gegangen ist.
Generell werden Mittel zum Kontaktknüpfen immer stärker in Formen gepresst – siehe zum Beispiel Facebook oder ähnliches. Und im Gegensatz zu geschriebenen Briefen oder Postkarten, fehlt diesen Kommunikationsformen die persönliche Note. Und genau mit diesen Dingen beschäftige ich mich in meinen Arbeiten. Ob das Ganze in Zukunft immer schlimmer wird, oder ob es sich auch zum Guten wandeln wird, weiß ich nicht, aber ich halte es für eine schräge Sache. Da ich generell versuche, positiv zu denken, glaube ich, dass sich das alles zum Guten wendet. Und die jüngeren und kommenden Generationen werden einen ganz anderen und neuen Zugang zu diesen Medien finden.

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aus der Serie „Überlagerung“, o. T, 2007

Siehst du auch Vorteile am digitalen Zeitalter?
Sicher. Also diese Dinge von denen wir alle profitieren. Wie zum Beispiel den schnellen Weg zu Informationen zu denen wir früher umständlicher oder gar nicht gekommen wären. Also ich für meinen Teil kann mir mittlerweile ein Leben ohne E-mail und Internet schwer vorstellen. Man gewöhnt sich sehr schnell an solche Dinge. Früher musste man in Bibliotheken gehen, inzwischen googelt und wikipediert man sich eben durch, um an gewisse Informationen zu gelangen. Ich finde es aber wichtig, Dinge wie die Handschrift und andere persönliche Ausdrucksformen nicht gänzlich verkümmern zu lassen, da mit ihrem Verlust sicher auch ein Teil der Persönlichkeit verloren geht.

Mit welchen Materialien arbeitest du bevorzugt?
Hauptsächlich Akryl. In den letzten Jahren großteils Akryl auf Plankarton, teilweise mit Kohle, Ölkreide kompiniert und auch mit Transparentpapier, dass ich darüberklebe oder montiere.

Würdest du deine Arbeiten der Postmoderne zuordnen?
Keine Ahnung. Ich sehe meine Arbeit, als erweiterte Form der Grafik und weniger als Kunst. Es ist meine Art, mein Innerstes auszudrüken. Es fühlt sich für ich so an, als würde ich aus einem Fenster schauen. Ich spanne den Karton auf, schaue auf dieses weiße Fenster, interpretiere etwas hinein und versuche mit  verschiedenen Elementen, dem Bild eine persönliche Note zu verleihen. Den Stil würde ich als abstrakt-expressionistisch beschreiben.

Um die Fragen an den Maler Jürgen Bauer abzuschließen. Gibt es aktuelle Projekte oder Aufträge an denen du arbeitest?
Also momentan stelle ich gerade eine Auswahl meiner Arbeiten für den Kunstsupermarkt zusammen. Ich sehe diesen, als eine gute Chance, meine Bilder einem breiteren Publikum zugänglich zu manchen. Weiters gibt es eine Gemeinschaftsausstellung im Oktober, an der ich beteiligt sein werde. Ich arbeite dafür gerade an neuem Material,  mit dem Arbeitstitel „ÜberForm“.

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aus der Serie „ÜberForm“, Arbeitstitel, 2009

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aus der Serie „ÜberForm“, Arbeitstitel, 2009

Was bedeutet Schlagzeugspielen für dich?
Erdung. Für mich ist es etwas, das mich erdet. Wenn ich male, ist es eher kopflastig, so wie fantasieren. Schlagzeugspielen holt mich eher auf den Boden zurück. Es ist für mich ein “Urgroove”, so wie gehen. Das liebe ich daran. Das macht es auch zu etwas sehr natürlichem, das mich beruhigt und ich fühle mich total wohl in dieser Welt.

Wie war dein Werdegang zum Schlagzeuger?
Ich habe eine Ausbildung für die kleine Trommel genossen, weil ich in der Blasmusik, mein Vater war deren Kapellmeister, gespielt habe. Ich habe auch irgendein Leistungsabzeichen dafür gemacht. Im Alter von Fünf hat mir mein Großvater die ersten Schritte auf der Kleinen Trommel beigebracht und danach wurde mein Onkel mein erster Lehrer. Für mich war das spielen in der Kapelle schon eine gute Schule, weil man gleichzeitig zum Trommeln auch marschieren muss. Das trainiert schon eine gewisse Unabhängigkeit, musikalische Koordination. Auch als Tempomacher der ganzen Kapelle übernimmt man eine wichtige Rolle.

Wer waren deine musikalischen Vorbilder?
Nachdem ich aus der Blasmusik ausgestiegen bin, wollte ich einfach Rocker sein. Ich war damals begeistert vom funkigen Heavy-Sound von Bands wie den Red Hot Chili Peppers und Living Colour. Auch die frühen Alben von The Police, wie „Reggatta de Blanc“ und „Zenyatta Mondatta“ haben mich sehr beeindruckt.

Erste Bandprojekte?
Begonnen hat alles damit, dass sich in der Kleinstadt Schwaz ein paar Wahnsinnige gefunden und sich dann im Proberaum verschanzt haben.(lacht) Wir nannten uns damals “Slap Up” und waren zu Beginn zu neunt oder so. Wir hatten sogar Saxofon und Trompete dabei. In dieser Besetzung haben wir eine ziemlich schräge Mixtur aus Jazz-Funk und Achtziger Jahre Pop gemacht. Über die Jahre gab es zwei Sängerwechsel, wir haben uns dann bis auf vier Mitglieder reduziert und unter dem Bandnamen „It“ die erste Platte aufgenommen. Wir spielten Heavy-Funk, so wie wir uns das damals vorgestellt haben. In dieser Band – mit Martin Nitsch (Gitarre) und Thomas Neumayr (Bass) h, die ungefähr zwölf Jahre aktiv war, bin ich wirklich zum Schlagzeuger gewachsen.

Wie hat dein erstes Set ausgesehen und welches spielst du heute?
Mein erstes Set war ein ganz klassisches, orangefarbenes Tama Swingstar, das ziemlich bald aus ästhetischen Gründen mit Folie in ein schwarzes Tama Swingstar umgebaut wurde.(lacht) Danach habe ich, nach langem Sparen, ein weißes Yamaha Recoding 9000 erstanden. Die Tom-Toms waren bei diesem schon kleiner, weil ich  einen höheren Sound wollte und ich hab auch, weil´s damals cool war, ein Rack dazu gekauft.
Mein aktuelles Set ist zusammengestoppelt aus einem Sonor Jungle, einem Sonor Force 3003 und A – Zyldian Becken. Lustigerweise waren von A-Zyldian auch die ersten Becken, die ich mir gekauft habe. Diese hab ich später verkauft und bin jetzt, nach vielen Jahren, wieder bei der gleichen Serie gelandet.

Wie würdest du deinen Schlagzeugstil beschreiben?
Ich glaube es ist eine Mischung aus Funk und Rock, zumindest liegt mir das am meisten. Weiters würde ich den Stil als sehr straight mit wenig Firlefanz beschreiben, obwohl ich auch schon gerne gegen den Grundpuls spiele. Das heißt, wenn ich beim Spielen Freiraum bekomme, lenke ich die Musik gerne in eine neue Richtung, ziehe die Bremse oder haue einfach mal daneben. Das Spiel von Stewart Copleand hat mir immer schon sehr gut gefallen, da er mit nicht zu komplizierten Fill In´s, vielen feinen Spielereien auf der Hi-Hat und Umkehrungen von Beats, sehr viel in der Musik von The Police erreicht hat. Er hatte natürlich auch viel Freiraum in der Band.

Spielst du neben Plexus Solaire auch in anderen Bands?
Ich würde gerne, aber mir fehlt die Zeit dazu. Zum Beispiel würde ich gerne auch etwas Verkopfteres als bei Plexus Solaire spielen. Aber wenn ich es machen würde, würde ich es gut machen wollen. Und dafür reicht die Energie momentan einfach nicht aus.

Wie würdest du deinen Part in der Band beschreiben, sowohl musikalisch als auch in sozialer Hinsicht?
Also in puncto Songwriting ist es so, dass wir meistens mit einem Basissong von Alexandre (Fedorenko) oder Vincent (Wohinz) starten und die ganze Band versucht dann, gemeinsam und demokratisch, dem Song die Plexus Solaire Note zu geben. Ich bin also in den Entstehungsprozess des Liedes genauso involviert wie alle anderen. Sozial agiere ich zwischen treibender und beschwichtigender Kraft. Ich bin eher der Diplomat als der Aufbrauser und versuche, wenn es mal hoch hergeht, die Wogen wieder zu glätten. Wobei das zum Glück sehr selten notwendig ist, da die Band in den sechs Jahren in denen wir zusammen spielen, zu einem wirklich guten Gefüge gewachsen ist.

Welche Musik bevorzugst du in deinen eigenen vier Wänden, aktuell?
Aktuell ist genau das richtige Anhängsel, da sich das bei mir ständig ändert. Ich kenn auch niemanden der immer das Gleiche hört. Obwohl – geben wird es solche schon, aber das sind ziemlich schräge Typen, glaube ich. Momentan höre ich sehr viel King Crimson und andere progressive Rockbands. Ich habe mich ja länger geweigert, mich mit dieser Musik wieder anzufreunden, da ich mich in den Achtzigern an Bands wie Ostinato oder Steps Ahead und diesem ganzen Fusion Zeugs, einfach sattgehört hatte. Bei King Crimson gefällt mir besonders, dass sich ihre Musik aus vielen verschiedenen Gitarrenloops zusammensetzt und das Spiel mit Loops und Wiederholungen hat mich schon immer fasziniert. Ich höre aber auch gerne Jazz. Den Drummer Jeff Ballard oder den Trompeter Cuong Vo finde ich zum Beispiel großartig.

Ergänzen sich die Malerei und Schlagzeugspielen, widersprechen sie sich oder haben sie nichts miteinander zu tun?
Sie ergänzen sich und haben definitiv miteinander zu tun. Gerade wenn ich male, ist Rhythmik ein sehr wichtiges Moment für mich. Ich schlage zwar mit dem Pinsel nicht auf die Leinwand, aber die Bewegungen sind schon rhythmisch.
Früher haben mir viele Leute versucht, einzureden, ich solle mich auf eine Sache konzentrieren und das Schlagzeugspielen zugunsten der Malerei aufgeben. Das wollte ich aber nie und darüber bin ich jetzt sehr glücklich. Das Schlagzeugspielen entsteht mehr aus einem Bauchgefühl und die Malerei ist eher etwas kopflastiger. Deshalb ergänzt sich beides sehr gut und gleicht mich aus. Ich finde beides super und mache beides gerne, was unterm Strich sicher das wichtigste ist. (lacht)

Interview: Alexander Csurmann

Fotos: Jürgen Bauer