Johannes Gritschacher

Man darf dir zum erfolgreichen Abschluss in Berklee gratulieren. Wie intensiv waren die Wochen davor?

Danke! Gegen Ende war es dann schon recht stressig. Ich habe dort ja auch Literatur-, Philosophie und Kunstgeschichteklassen (liberal arts) besuchen müssen, neben den musikalischen Fächern. Außerdem habe ich neben dem Performance-Studiengang auch Contemporary Writing and Production studiert, das ich zu 75% abgeschlossen habe. Ich wollte mich aber in erster Linie auf das Schlagzeug konzentrieren. Das Produzieren ist schon jetzt Notwendigkeit meiner Arbeit.

Was hast du aus deiner Zeit in Berklee besonders mitgenommen?

Man lernt so viele Leute aus der ganzen Welt kennen, das ist super. Dann natürlich die ganzen musikalischen Einflüsse – man spielt R’nB mit Leuten, die damit aufgewachsen sind. Genauso wie die verschiedenen Latin-Stile mit Leuten, die das von Kindesbeinen an spielen. Dieses ganze Potpourri an Kulturen ist total interessant. Auch die Möglichkeit, mit Musikern zu studieren, die selbst Musiklegenden sind und professionell im Musikleben stehen und ihre Erfahrungen an die Studenten weitergeben, ist einzigartig.

Hast du dich gleich nach der Schule in Berklee beworben?

Genau, ich habe schon vor der Matura die Aufnahmeprüfung in London abgelegt und dann gleich im Herbst nach der Matura in Boston begonnen.

Wie hast du das dortige Niveau am Anfang empfunden?

Es sind dort viele talentierte Studenten. Das motiviert einen auch, viel zu üben und besser werden zu wollen. Wobei kein Konkurrenzdenken da ist, sondern vielmehr reger gegenseitiger Austausch und Inspiration.

Wofür wirst du heute vor allem angerufen? Gibt es einen bestimmten Stil, für den du im Besonderen stehst?

Ich spiele eigentlich alle Stile gerne. Dieses Semester habe ich zum Beispiel Free Jazz studiert mit Hal Crook und George Garzone. Ich liebe einfach beide Seiten total – das Popbusiness wie auch die Jazzszene. Da fällt es mir schwer, mich selbst einzuordnen. Man muss sich auch nicht unbedingt einordnen, sondern vielmehr den eigenen Stil weiterverfolgen und dabei seine „comfort zone“ erweitern. Es sollte einfach alles was man spielt von Herzen kommen.

Wie kann man sich den Aufbau und Ablauf des Studiums vorstellen? Wurde individuell auf dich eingegangen?

Es läuft dir niemand nach und sagt: „Mach dies und das!“ Am Anfang belegt man einmal die verpflichtenden Grundkurse in Eartraining, Harmonielehre und Arrangieren, welche in der Folge stufenweise geführt werden – also Stufe 1, Stufe 2 und so weiter. Generell gibt es dort aber nichts, was es nicht gibt. Man muss halt wissen, an was man arbeiten will. Im ersten Semester bekommst du einen Lehrer zugewiesen und kannst dir aussuchen, in welche Richtung du gehen willst. Je nachdem, welchen Stil man spielen will, sucht man sich dann seine weiteren Lehrer aus. Ich habe bei verschiedenen Schlagzeuglehrern studiert. Afrocuban habe ich beispielsweise mit Kim Plainfield studiert, dann wollte ich mich mehr auf Jazz konzentrieren und habe bei Terri Lyne Carrington gelernt. Im letzten Semester jetzt bei Billy Kilson und Dave DiCenso. Neben den Hauptlehrern hat man auch regelmäßige „Labs“, bei denen man bestimmte Themen wie Besenspiel, Polyrhythmik oder Moellertechnik behandelt. Man kann sich quasi sein eigenes Programm zusammenstellen.

Wie haben sich deine Übe-Gewohnheiten während dieser Zeit entwickelt?

Man glaubt natürlich, dass man total viel zum Üben kommt in Berklee, aber es war dann doch immer so viel zu tun mit Konzerten und Studiosessions, wodurch es nicht immer leicht war. Aber ich habe jetzt natürlich alle Materialien aus Berklee zuhause und bin immer wieder dabei, meinen Übungsplan neu zu gestalten. Generell mache ich immer zuerst Übungen am Pad mit Stick Control. Worüber ich in Berklee viel gelernt habe sind zum Beispiel die Konzepte von Alan Dawson, wie etwa „Rudimental Ritual“. Zurzeit spiele ich auch Swing Coordination Exercises zu Aufnahmen dazu. Außerdem bereite ich natürlich immer meine Parts für angehende Shows und Gigs vor. Was ich aber jeden Tag mache ist, dass ich mir genau notiere, was ich geübt habe und an was ich noch arbeiten muss. Man muss natürlich immer darauf achten, ausgewogen zu üben und das Musikalische dabei nicht zu vergessen.

Welche Ziele hast du dir für die Zeit nach dem Studium gesteckt?

Mein Ziel ist, dass ich als Schlagzeuger mit verschiedenen Künstlern auf Tour gehe und im Studio arbeite, aber später auch als Musical Director und Produzent arbeiten kann. Ich versuche also übers Schlagzeugspielen ins Produzieren zu kommen. Steve Jordan schwebt mir da etwa als Beispiel vor, der als toller Studiodrummer seit einiger Zeit auch vermehrt produziert. Das wäre halt für mich die ultimative Kombination, wenn man Input geben kann. Durch meinen zweiten Studiengang CWP habe ich in dieser Hinsicht viel gelernt. Letzten Sommer habe ich mit der marokkanischen Sängerin Ghita gespielt, mit der wir in Marokko vor 200.000 Zuschauern für Maroon 5 eröffnet haben, was natürlich ein wahnsinnig tolles Erlebnis war. Jedenfalls haben wir dabei auch ihre Songs, die eher elektronisch produziert sind, für ein Live-Set arrangieren müssen. Man ist dann eben nicht nur der spielende Schlagzeuger auf der Bühne.

Du bist ja schon sehr früh häufig auf größeren Bühnen gestanden.

Was mich vor allem auf große Auftritte vorbereitet hat, war die Zeit in Berklee, wo ich am Anfang viele Stunden und Nächte im Studio verbracht habe. Das hat mir gerade in Hinsicht auf Timing und Feeling enorm geholfen. Es ist nunmal die beste Übung, sich selber im Studio und auf Aufnahmen zu hören.

Wie und wo hast du davor gelernt?

Ich habe mit sechs Jahren an der Musikschule Spittal/Drau begonnen und seither wichtige Erfahrungen gesammelt. Ob Marschmusik, Bigband oder klassisches Orchester. Ich habe immer schon versucht, alle Stile zu erforschen. Eine Zeit lang habe ich klassische Perkussion gelernt, dann auch Jazz in Schülerbigbands und auch in Popbands gespielt. Dafür bin ich schon sehr dankbar, all diese Möglichkeiten gehabt zu haben. Nebenbei habe ich in Österreich und Deutschland Workshops bei Thomas Lang, Jojo Mayer, Walter Grassmann, Mario Gonzi, Florian Holoubek etc. besucht, die mich sehr geprägt haben.

Stimmt es, dass du sehr viel Musik über deine Eltern mitbekommen hast, zum Beispiel Phil Collins oder Joe Morello?

Genau, mein Vater ist ein großer Musikfan. Er hat eine große Platten- und CD-Sammlung zuhause, durch die ich mich immer durchgestöbert habe. Dann hat er mir einiges vorgespielt: „In The Air Tonight“ von Phil Collins oder „Take Five“ von Dave Brubeck. Das waren die zwei prägendsten Aufnahmen für mich. Dann natürlich auch Chaka Khan, Stevie Wonder und viele mehr. Ich glaube, dass ich durch diese Inspiration zur Musik gekommen bin.

Später hast du dann auch einige Schlagzeug-Wettbewerbe gewonnen.

Stimmt, das war in den ganz jungen Jahren, in denen man noch denkt, dass Musik in irgendeiner Form ein Wettbewerb sei. Aber es war trotzdem ganz gut, um zu lernen, wie man sich technisch richtig vorbereitet und auf ein Ziel hinarbeitet.

Du hast bereits in sehr jungen Jahren viel Lob von Schlagzeug-Größen wie Thomas Lang oder Claus Hessler geerntet. Wie geht man damit um und wie bist du dabei am Boden geblieben?

Man darf seine Ziele nicht aus den Augen verlieren und sollte immer auch seine Schwächen erkennen. Klar ist es gut, Selbstbewusstsein für die Bühne zu entwickeln, aber ab und zu muss man sich einem gewissen Reality-Check unterziehen und erkennen, woran man noch zu arbeiten hat. In Berklee, wo klarerweise viele gute Leute sind, erkennt man das natürlich genau und je mehr man lernt, desto mehr gibt es noch zu lernen. Dadurch entdeckt man immer wieder neue Wege. Man denkt zwar, dass man jetzt mit dem Studium fertig ist, aber die eigentliche Arbeit geht im Grunde erst danach los.

Was sind dabei jetzt die nächsten Schritte für dich?

Ich werde jetzt im Jänner nach Los Angeles ziehen. Meine Freundin, die ebenfalls in Berklee studiert hat und für die ich auch Schlagzeug spiele, lebt bereits dort. Ich muss mich jetzt vorerst um Wohnung, amerikanischen Führerschein und Auto kümmern. Ich habe auch einige Bekannte, die als Produzenten und Musiker in LA tätig sind. Ganz wichtig ist es auf Sessions zu gehen und Musik zu machen. Mitte Jänner habe ich den ersten Gig als Opener für Jhene Aiko.

Was denkst du ist entscheidend, um in dieser Hinsicht auf einem guten Weg zu sein?

Ich denke man sollte möglichst locker bleiben und seine eigene Persönlichkeit entwickeln. Die Leute engagieren einen ja auch, wenn die sozialen Kompetenzen stimmen. Dass man gut spielt wird sowieso vorausgesetzt, umso wichtiger ist es, wie man persönlich drauf ist und dass man sich selbst treu bleibt.

 

 

Interview: Moritz Nowak

 

Photo: © Alex Winter

 

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