Aram Zarikian

Seine vielfältigen Projekte haben Aram Zarikian bereits an so manchen Ort dieser Welt geführt. Der in London lebende Villacher ist als Drummer bei Szenegrößen wie Andreya Triana oder Grasscut beschäftigt und bringt als Künstler im Bereich der Soundart auch abseits der Bühne Räume zum Klingen.

az1Über welche Wege hat es dich nach London verschlagen?

Das waren einige Wege. Entscheidend war meine Zeit an der Music Academy in Los Angeles. Dort habe ich die entscheidenden internationalen Connections bekommen und dadurch viele Leute in vielen Ländern gekannt. Zurück in Österreich, bei mir daheim in Villach, ist mir dann die Decke etwas auf den Kopf gefallen und es war mir klar, dass ich wieder weg will. Es war dann nur die Frage, wohin: Ob zurück nach LA, wo ich schon Kontakte hatte, nach London oder nach Schweden, wo die Musikszene wahnsinnig interessant ist. In London kannte ich John Wells, einen befreundeten Bassisten aus meiner LA-Zeit. Ich hatte Glück, dass John ein freies WG-Zimmer für mich hatte und er ist nach wie vor meine Hauptachse für Jobs hier. Ich kann aber jedem empfehlen, den ersten Schritt ins Ausland auf einer Schule zu machen, einfach, um das Netzwerk zu bekommen und in einem Gefüge zu sein.

Wann hat bei dir das professionelle Spielen begonnen?

Angefangen habe ich mit acht Jahren ganz klassisch in der Musikschule. Es hat einfach immer das Eine zum Anderen geführt und war ein fließender Übergang mit etlichen Bands, von der Musikschule aufs Konservatorium und von dort weiter nach LA. Daher hat sich diese Frage eigentlich nie die gestellt. Es gab also keinen bestimmten Zeitpunkt, sondern ich habe einfach immer sehr viele Gigs gespielt. Von Bigbands über irische Musik bis hin zu Reggae, da war alles dabei. Am Konservatorium habe ich klassisches Schlagwerk studiert und mein Professor war musikalisch sehr offen für alles und hat mich auch bestärkt darin, den Sprung ins Ausland zu wagen. In LA war dann einfach eine irre Energie spürbar und du hast gemerkt, dass jeder voller Tatendrang ist. Kombiniert mit tollen Lehrern war das natürlich sehr inspirierend.

Du warst während deiner Zeit in LA bereits sehr viel live unterwegs. Wie intensiv war diese Zeit?

Diese Zeit war arg, weil ich erstens studiert, zweitens in der Schule diverse Dienste verrichtet habe und drittens in einigen Bands war, mit denen ich in etlichen legendären Clubs unterwegs war. Aber es war toll, solch eine intensive Zeit zu haben, in der man jeden Tag bis tief in die Nacht am Spielen ist. Man kommt dann hoch energetisiert wieder heim und danach wird einem hier natürlich der Wind wieder ein bisschen aus den Segeln genommen, aber trotzdem habe ich zuhause mit Inina Gap, meiner alten Band, weitergemacht und sehr viel geprobt. Wir haben damals wirklich viel Zeit investiert und gemeinsam verbracht, was sehr viel wert ist für eine Band. In dieser Zeit bin ich auch zu Singer-/Songwriter Ed Schnabl gekommen, mit dem ich ein schönes Album aufgenommen habe und gleichzeitig habe ich mit dem Gitarristen Martin Koller gespielt. Das war schon eine gute Zeit, aber es wurde mir dann eben doch zu eng. Ich habe angefangen, nebenbei angewandte Musikwissenschaften zu studieren, aber auch nur ein Semester lang, da es mich einfach weg gezogen hat. Man merkt schon, dass der Boden und die oftmals mangelnde Akzeptanz hierzulande, es schwer machen, große Schritte zu tun, wobei ich die Schuld dafür in erster Linie bei den Medien sehe, weil es vor allem an Repräsentation mangelt oder an der Infrastruktur bei Labels beispielsweise, denn gute Musik gemacht wird in Österreich genauso. Aber wir haben ja alle den wunderbaren Reisepass, der uns fast überall hin lässt und können uns damit glücklich schätzen, vor allem im EU-Raum.

In London hast du dann auch deinen Master of Soundarts absolviert. Was kann man sich unter diesem Studium vorstellen?

Ich bin ursprünglich nur mit der Idee nach London gekommen, Musik zu machen und das zu intensivieren, bin dann aber über die Website der University of the Arts gestolpert, die eben diesen interessanten Master angeboten hat. Ich bin einfach, nachdem ich ein paar Sachen für die Aufnahmeprüfung zusammengeschnipselt habe, hingegangen und wurde aufgenommen. Damit bin ich auf einmal in die Kunstwelt eingetaucht und habe in dieser Zeit kaum Schlagzeug gespielt, eigentlich zum ersten Mal in meinem Leben, einfach weil das ein sehr intensives und wunderbares Studium war. Mit einigen Kollegen aus aller Welt habe ich dort ein Improvisations-Ensemble gegründet, mit dem wir auf dem Big Chill Festival aufgetreten sind. Genau in dieser Zeit habe ich aber die Audition bei Andreya Triana gewonnen und während dem Festival meinen ersten Gig mit ihr gespielt. Das war wieder ein fließender Übergang zurück zur Musik, indem ich mit Andreya durch Europa getourt bin inklusive North Sea Jazzfestival und TV-Auftritten. Das war einfach eine höchst professionell organisierte Tour und eine tolle Erfahrung. Während der Tour hat mich dann unsere Support-Band, Grasscut, für eine Nummer ausgeborgt und aus der Zusammenarbeit ist jetzt deren neues Album entstanden, welches ich einspielen durfte. Es führt eben Eines zum Nächsten.

Du hast dir also durch diese Connections auch das Suchen erspart?

Ja stimmt eigentlich. Es passt gerade sehr gut, ich unterrichte ein bisschen und ich habe jetzt auch zwei Residences mit Jules Rendell und mit Nigel Jenkins, bei denen ich regelmäßig jede Woche in einem Club spiele. Abgesehen davon ist London auch ein Boden, wo ständig interessante neue Anfragen und Herausforderungen auf einen zukommen.

Gab es bei den vielen Projekten bestimmte Ausschlusskriterien für dich?

Man ist als Drummer viel als Sideman unterwegs, aber ich muss sagen, dass alle meine Projekte sehr unterschiedlich und spannend sind. Mir fehlt auch gar nichts im Moment, weil ich mich in diesen Projekten sehr gut verwirklichen kann, da ich viele Freiheiten genieße. Bei Grasscut zum Beispiel hat Andrew Phillips die Kompositionen auf uns Musiker zugeschnitten unter Berücksichtigung unseres jeweiligen Stils und auch bei Andreya Triana ist alles gemeinsam im Proberaum mit einem musical director entstanden. Ich spiele also kaum Sachen, die vorprogrammiert sind oder die ich genau reproduzieren muss. Ich habe also das Glück, nichts spielen zu müssen, das mir nicht taugt. Das Wunderbare an unserem Handwerk als Drummer ist ja auch die Abwechslung. Als Sänger bist du da schon limitierter indem du dein Image hast, aber als Drummer ist man im Hintergrund und über diese Rolle bin ich eigentlich froh. Durch die Soundart habe ich außerdem auch ein kreatives Output abseits des Schlagzeugs.

Eine deiner Soundinstallationen wurde auch in Frankreich ausgestellt.

Ich hatte eine audiovisuelle Installation im Centre Pompidous im Rahmen eines Filmfestivals. Das war meine Abschlussarbeit und wurde dort gezeigt. Ansonsten habe ich sehr viel im quadrophonischen Bereich gearbeitet, also mit vier Lautsprechern und bin auch als Creative Consultant im Bereich des Sounddesign tätig. Da habe ich beispielsweise an Sounds für Hybridautos gearbeitet, um diese besser klingen zu lassen. Es geht also in diesem Bereich sehr viel um Synästhesie, also um die Verbindung verschiedener Sinneswahrnehmungen. Etwa, wie akustische Wahrnehmung den Geschmackssinn beeinflusst.

Hatte Soundart auch Einfluss auf dein Spiel, wie zum Beispiel das Einbauen von Elektronik in dein Set?

Nein, meine Elektronik-Schule war eindeutig damals bei Inina Gap, die ja Füchse auf diesem Gebiet sind und dieses Wissen nutzt mir bis heute, beispielsweise bei Grasscut. Ich bin nach wie vor mit dem System unterwegs, dass ich über Ableton meine Sachen triggere und meistens mein SPD-S mit dabei habe. Im Soundart-Studium selbst hat sich kaum etwas mit Schlagzeug verbunden. Aber wie es generell eben ist, hat alles in deinem Leben indirekt Einfluss auf die Musik. Hast du einen schlechten Tag gehabt, spielst du klarerweise anders als wenn es ein guter war. So ist es wahrscheinlich auch bei mir mit dem Sound. Die Soundart hat wohl insofern meine Herangehensweise ans Instrument geändert.

Wie ist deine Übe- und Proberaumsituation in London?

Ich hatte einen recht lässigen Übungsraum mit eigenem Schlagzeug darin, den ich mir um recht günstige Konditionen geteilt habe. Leider ist dieser überschwemmt worden und jetzt ist dort gar nix mehr. Es gibt hier viel weniger Keller, die als Proberäume fungieren. Dadurch, dass die Mieten in London generell sehr teuer sind, ist man in den meisten Fällen mit vielen anderen zusammengepfercht. Zum reinen Üben ist man eben oft auf das Übungspad angewiesen. Aber ich bin ja ein Verfechter von Übepausen – also einmal viel zu üben und dann eine Zeit lang weniger. Denn wenn man nicht übt, passiert oft anderes und es ist manchmal gut, Dinge für ein paar Tage liegen zu lassen und abzuschalten. Musiker zu sein ist ja nie abzugrenzen von einem selbst, man macht ja keinen Bürojob mit seinen fixen Zeiten, sondern es ist ein ständiger Vertrauensaufbau zum Instrument.

Man übt also quasi ständig, das Üben geschieht auch – Stichwort Soundart – unbewusst durch Wahrnehmungen oder?

Absolut und das ist wichtig. Man sollte aufpassen, nicht den Anschluss zu verlieren, wenn man nur im Kammerl sitzt. Nämlich den Anschluss zu anderen Leuten und der Musik selbst. Hören, Reagieren und Orientieren. Das sage ich auch Schülern von mir: Sie sollen Musik hören. Komischerweise tun das immer weniger Leute. Aber gerade das Hören ist einfach so wichtig für das Zusammenspiel.

Welche Projekte und Tätigkeiten stehen bei dir im neuen Jahr an? Bleibst du weiter in London?

Ich werde auf jeden Fall in London bleiben, da es eine wunderbare Stadt ist. Im Februar bin ich allerdings in Los Angeles, wo ich ein Album mit Jim Bleiweiß aufnehmen werde. Ansonsten will ich es im neuen Jahr halten, wie es ist. Einiges mit Kathrin De Boer, da sie sehr energetisch ist und gute Kontakte hat. Mit ihr werde ich auch wieder ein Video aufnehmen. Des weiteren bastelt Andreya Triana an ihrem neuen Album, welches Mitte des Jahres herauskommt und mit dem dann natürlich ausgiebig getourt wird. Sie war bereits auf Platz Sieben in den Charts, also da kann alles passieren, vielleicht auch eine Welttournee. Dann natürlich das neue Album von Grasscut. Mit Andrew von Grasscut mache ich viel Filmarbeit und wir werden den Soundscape für einen Kurzfilm live in einem Kino spielen. Das wird also der bisher größte Schnittpunkt zwischen Soundart und Schlagzeug für mich. Auf das alles freue ich mich schon sehr.

 

Interview: Moritz Nowak