Gerhard Bergauer

Als Musikschullehrer in Wien und Poysdorf liegt Gerhard Bergauer der Schlagzeug-Nachwuchs besonders am Herzen. Dass er seit 2012 auch Landesjugendreferent des Wiener Blasmusikverbandes ist, macht deutlich, wie viel Engagement der 39-jährige Wiener in seine Arbeit steckt. Bei so viel Musik bleibt freilich wenig Zeit für Hobbies. Er nimmt sie sich trotzdem – um dabei am Ende wieder in seinem Beruf zu landen.

bergauer.jpg1Du kommst frisch aus dem Proberaum. Für welches Projekt wird gerade geprobt?

Ich bin gerade für Bernd Rommel eingesprungen. Das ist ein Projekt der Musikschule Wien für zwei Konzerte mit Orchester und großem Kinderchor und wird, soweit ich weiß, auf ORF 3 übertragen. Ich springe gelegentlich für Freunde ein, so wie hier für einen Musikschulkollegen. Sonst bleibt nicht viel Zeit.

Wie ist bei dir die Gewichtung zwischen Unterrichten und Spielen?

Also die Gewichtung ist eigentlich bereits seit Jahren eindeutig beim Unterrichten, was mir wirklich sehr viel Spaß macht und am Herzen liegt. Das Spielen bleibt natürlich auch nicht auf der Strecke, wobei es sich eher in Richtung Jobschlagzeuger entwickelt hat – also sehr viel Tanz- und Unterhaltungsmusik, auf Hochzeiten, Bällen während der Ballsaison, unter anderem am Opern Ball oder Konzerte mit der Original Swingtime Big Band.

Viele Musiker sind wohl angewiesen auf das Unterrichten – bei dir allerdings hat man das Gefühl, dass es für dich das Größte ist, mit dem Nachwuchs zu arbeiten.

So ist es auch. Seit 15 Jahren. Es macht irrsinnig viel Spaß und es ist toll, wenn man sieht, dass man die Drummerszene ein bisschen mitgestalten und vielen etwas mitgeben kann. Es war mir relativ schnell klar, dass das reine Musikerleben nichts für mich ist. Das einschneidendste Erlebnis in dieser Hinsicht war eine knapp 40-tägige Tournee durch Deutschland. Man war quasi nur im Bus oder im Hotel, hatte kaum etwas von außen mitbekommen und auch keinen Kontakt zu Familie und Freunden gehabt in der Zeit. Das war das erste Mal, dass ich das in diesem Ausmaß miterlebt habe und da war mir schnell klar, dass das nicht wirklich mein Ding ist. Es ist cool, für ein paar Tage als Band unterwegs zu sein, aber für so eine lange Tour war mir das zuviel.

Hat dabei auch deine Spielfreude gelitten, unter der täglichen Routine?

Die Spielfreude weniger, einfach das Drumherum. Der Spaß am Spielen ist bei mir immer gegeben und zwar die verschiedensten Sachen, ob das jetzt das Set ist, die Marimba oder die kleine Trommel. Das ist dann auch der rote Faden, der einen zum Unterrichten führt: Diesen Spaß am gesamten Schlaginstrumentarium den Kids zu vermitteln und beobachten zu können, wie sich jeder dabei entwickelt. Vor ein paar Tagen war ich in Eisenstadt beim Bundeswettbewerb von Prima La Musica. Zu sehen, was die jungen Leute dort drauf haben und wie viel Übung sie da hineingesteckt haben, war beeindruckend. Da ist es dann schon toll, wenn man einen Schüler dorthin begleiten und ihn bei den Besten mitspielen sehen kann. Man freut sich dabei einfach mit seinen Schülern mit.

Was ist dir von deinen eigenen Lehrern besonders in Erinnerung geblieben? Kannst du dich noch an deine erste Schlagzeugstunde erinnern?

So ungefähr schon und ich denke auch, dass auf jeden Fall der erste Lehrer ganz wichtig ist. Mein erster Lehrer war hier in Wien in der Musikschule und ist mittlerweile vom Lehrer zum Kollegen geworden.Er hat eigentlich das Feuer in mir entfacht indem er erkannt hat, welche Musik mir taugt und dann ist er eines Tages mit einer Kassette gekommen, auf der Schlagzeuger wie Tony Williams und Gregg Bissonette zu hören waren. Letzterer ist dann auch mein erster Hero geworden, den ich genauer verfolgt habe. Von ihm habe ich mir Hefte gekauft, Transkriptionen auswendig gelernt und bin damit total ins Schlagzeugspielen eingetaucht.

Woraufhin viele weitere Helden gefolgt sind, nehme ich an?

Dann ist es natürlich weitergegangen. Also die beiden nenne ich immer als meine Vorbilder. Als Dritter ist dann – aus dem Popbereich – Jeff Porcaro dazugekommen, der mich vielleicht sogar am meisten inspiriert hat. Da war mir auch bald klar, dass ich mich eher in der Popularmusik sehe und weniger als Jazzer. Wobei ich auch seit jeher gerne Big Band spiele. Aber um auf meinen ersten Lehrer zurück zu kommen – was ich von ihm vor allem noch mitgenommen habe, ist der vielseitige Zugang, also dass man sich nicht auf ein Schlaginstrument beschränkt. Daher lege ich auch bei meinen Schülern Wert darauf, dass sie mit verschiedensten Instrumenten umgehen können oder es zumindest ausprobieren und kennenlernen.

Obwohl du dich im Popularbereich gesehen hast, hast du dann am Konservatorium Jazzschlagzeug studiert…

Ich war dann am Konservatorium bei Walter Grassmann – das war quasi die harte Schule. Ich bin ja eher der lasche Typ und am Konservatorium war ich dann wirklich dazu gezwungen, zu üben. Das hat mir sicher auch gut getan in gewisser Hinsicht. Es hat natürlich auch mentale Tiefs gegeben, durch die man durch muss. Aber wenn man ins Musikbusiness will, kommt man mit der rosaroten Brille nicht sehr weit. Damit muss man umgehen können.

Ich habe gelesen, dass du ursprünglich Keyboarder in einer Rockband werden wolltest.

Ja genau. Warum das so war, kann ich auch nur noch mutmaßen. (lacht) Ich habe damals recht viel Toto, Queen oder auch Europe gehört und bin dadurch auf die Idee gekommen, Keyboard zu spielen. Ich hatte dann aber einen Lehrer, der das Feuer für das Klavier leider nicht wirklich entfachen konnte. Ich habe es zwar recht lange gemacht, aber dadurch dass mein Bruder und mein Vater in der Blasmusikkapelle gespielt haben, habe ich mir gedacht, dass ich jetzt auch ein Instrument aus der Blasmusik spielen sollte. Ich habe beobachtet, dass die Trommler eh die meiste Zeit nur hinten sitzen, keine Noten spielen müssen und scheinbar machen was sie wollen – also kann es ja nicht so schwer sein! Es war dann auch wirklich nicht so schwer und erst durch meinen Musikschullehrer ging es in die vielfältigere und etwas komplexere Richtung.

Du bist seit einiger Zeit Landesjugendreferent des Wiener Blasmusikverbandes. Was sind da deine Tätigkeiten?

Um kurz auszuholen: Es gibt einen Wiener Blasmusikverband, der Teil des Österreichischen Blasmusikverbandes ist. Seit elf Jahren gibt es die Österreichische Blasmusikjugend, diese vertritt die Interessen von mehr als 86.000 Mitgliedern in 2.169 Musikkapellen und 6000 Jugendlichen in den angeschlossenen Partnerverbänden Liechtenstein und Südtirol. Jeder Landesverband hat einen Landesjugenreferent. Dieser koordiniert die Jugendarbeit in seinem Bundesland. Hauptaufgabengebiet ist die Betreuung der jungen Musiker und Musikerinnen in den bestehenden Kapellen und dass ein Austausch zwischen Kapellen und Musikschulen stattfindet. Dabei gibt es natürlich etliche Angebote wie Leistungsabzeichen, diverse Wettbewerbe, Theoriekurse, Fortbildungen, gemeinsame Konzerte und vieles mehr. In Kooperation mit der Musikschule Wien und dem Wiener Blasmusikverband haben wir derzeit vier Jugendblasmusikorchester, von denen das Sinfonische Jugendblasorchester Wien erst letztens beim Life Ball gespielt hat. Das Ganze zu koordinieren und zu organisieren, ist meine Aufgabe. Kurz gesagt, ich bin der Wurschtel, der für die Verbindung von Blasmusik und Jugend sorgt. (lacht)

Die Blasmusik ist ja sogar deine ursprüngliche musikalische Heimat, wie du sagst…

Genau, dadurch dass mein Vater und mein Bruder ja bereits in der Blasmusik waren, bin ich schon in frühester Kindheit in Berührung mit dieser Musik gekommen. Am Anfang war es ja nicht so meins, aber es hat mich eindeutig geprägt und ich spiele nach wie vor sehr gerne Blasmusik. Am 6. Juni beginnt ja auch das Wiener Blasmusikfest. Da werde ich mit dem Landesblasorchester Wien zum Auftakt im Rathaus spielen.

Du entwickelst auch eigene Lehrbücher aus dem Grund heraus, dass dich viele etablierte Lehrwerke nicht zufrieden stellen. Inwiefern konnten die meisten Lehrbücher deine Ansprüche nicht erfüllen?

Das wohl abschreckendste Lehrwerk aus meiner eigenen Musikschulzeit war die „Schule für Kleine Trommel“ von Eckehardt Keune. Damit konnte ich überhaupt nichts anfangen. Es vermittelt zwar technisch wichtige Inhalte, aber hat überhaupt keinen didaktischen Fluss und macht keinen Spaß. Da sind Etüden dabei, bei denen ein paar Takte auf dem jeweiligen Level praktisch unspielbar sind. Schon während des Studiums habe ich Konzepte entwickelt, wie ich Schüler über mehrere Jahre von a nach b bringen will. Dann habe ich meine Ideen eben erst einmal auf Zetteln aufgeschrieben, bevor ich begonnen habe, einige meiner Skripten zu ganzen Schulen zu machen. Es macht mir auch Spaß, das mit meinen Schülern durchzuprobieren. Das ist dann auch ein Vorteil an meinem eigenen Material: Dass es nicht gedruckt wird und danach erst gespielt, sondern umgekehrt. Ich weiß also genau, was welcher Schüler schaffen kann und was erst später kommt. Es kann sich heute jeder die Bücher von allen möglichen Größen kaufen, aber welcher Musikschüler fangt mit so einem ganzen Heft wirklich etwas an? Da muss man eben Abstriche machen und einzelne Aspekte aufgreifen. So habe ich halt auch vieles zusammenkomprimiert und verbinde es mit meinen eigenen Kompositionen.

Hast du es als Schüler selbst auch schon so gemacht?

Ja, es bleibt einem in Wahrheit auch nichts anderes über, als sich aus der Flut an Schulen seine Dinge herauszupicken. Ich kaufe mir ja nach wie vor sehr viele Noten und Schulen, das ist ein Hobby von mir. Da sind dann teilweise auch tolle Sachen dabei von total unbekannten Autoren.

Bleibt dir eigentlich bei deiner Hingabe noch Zeit für außermusikalische Hobbies?

Ich spiele sehr gerne Tennis. Das ist ein toller Ausgleich – am Platz zu stehen und die Bälle übers Netz zu schlagen. Ich probiere, dass ich regelmäßig jede Woche spiele, was natürlich nicht immer möglich ist. Es ist aber eigentlich mein einziges intensiveres Hobby, welches nicht mit Musik zu tun hat. Meistens haben die Dinge, die ich als Hobbies sehe, im Endeffekt etwas mit meinem Beruf zu tun, so wie ich zum Beispiel aus reinem Vergnügen und Begeisterung heraus demnächst zu John Wooton gehen werde, wenn er nach Wien kommt. Das verschwimmt bei mir sehr.

Verträgt sich denn das Tennisspielen mit dem Schlagzeugspielen?

Also wirklich vertragen tut es sich nicht. Wobei es bei mir eher beim Tennis negative Auswirkungen hat, da ich durch das Trommeln jahrzehntelang trainiert habe, das Handgelenk zu lockern. Dadurch hat man natürlich seine Probleme mit dem Druck und der Kraft beim Schlag, da passiert es mir oft, dass ich manche Bälle versemmle, weil der Schläger kippt. Viele Mediziner sagen zwar, dass es schlecht ist, aber ich habe – bis auf einmal während des Studiums – nie gröbere physische Probleme gehabt. Aber natürlich macht es sich bemerkbar, wenn man vor dem Trommeln intensiv Tennis gespielt hat. Besonders die Feinmotorik leidet darunter.

Spürbar ist es sicherlich auch, wenn man Marching Drums spielt, wie du es ja bereits seit vielen Jahren mit den Drum Pirates praktizierst.

Das Physische ist ja auch das Tolle am Trommeln, das ganze Körpergefühl. Dafür ist die Marching Band ideal. Jeder hat sein Instrument umgehängt, man kann sich bewegen oder Choreographien einstudieren. Das macht natürlich besonders den Kleinen Spaß und es ist eine tolle Schule für das Setspiel – ein Steve Gadd oder ein David Garibaldi wären ohne diese Einflüsse nicht das, was sie heute sind.

 

Interview: Moritz Nowak

 

Weitere Infos zu Gerhard Bergauer:

www.gerhardbergauer.com