Hari Ganglberger

 

Nach siebzehn ereignisreichen Jahren als Drummer in New York, hat es Hari Ganglberger wieder zurück nach Wien gezogen. Im Interview berichtet er über seinen Werdegang im Big Apple und erklärt, worum es in seinem frisch entwickelten Rhythmus-Workout geht.

 

Nachdem du die letzten siebzehn Jahre in New York gelebt hast, bist du jetzt wieder nach Wien gezogen. Hat sich viel verändert?

Ich bin seit Ende Dezember wieder hier und schaue gerade, wie es sich entwickelt. Das ist nach 17 Jahren natürlich ein Neubeginn, aber im Moment ist es sehr lässig. Ich war vorigen Sommer bereits auf Besuch und die Stadt hat sich viel offener und spannender angefühlt als früher. Natürlich ist es um einiges ruhiger als New York, aber das schätze ich im Moment auch sehr, wenn ich ruhig arbeiten kann. Dabei sehe ich jedoch die Arbeit als Musiker international – unabhängig vom Ort.

Wie kam es damals dazu, dass du nach New York gezogen bist?

Da gab es verschiedene Gründe. Bevor ich nach New York gegangen bin, habe ich eine gute Zeit als Musiker in Wien gehabt, mit vielen Leuten gespielt und eine gute Stelle an der Musikschule Alsergrund gehabt. Irgendwann kam aber der Punkt, an dem sich vieles wiederholt hat und ich Neues ausprobieren wollte. Ich hatte dann die Gelegenheit, mit Pogo, bei denen ich damals gespielt habe, auf US-Tour zu gehen. Der erste Gig war gleich mal im CBGB in der Lower East Side. New York hat mir von Anfang an getaugt und keine Ruhe mehr gelassen. 1999 bin ich dann für ein paar Monate rübergefahren und nachdem sich einiges ergeben hat, sind aus diesen Monaten 17 Jahre geworden.

Man hört oft vom „harten Pflaster“ New York und den hohen Lebenskosten. Wie ist es dir anfangs als Musiker in der Stadt ergangen und was hat sich diesbezüglich in den letzten Jahren verändert?

New York ist natürlich nach wie vor ein hartes Pflaster, aber es hat sich vieles geändert. Es ist immer schwieriger geworden, viele music venues und recording studios mussten schließen oder umziehen. Es gibt weniger Gigs und gleichzeitig wird aber das leben in der Stadt immer teurer. Ich konnte am Anfang bei einem Freund wohnen, hatte auch einiges angespart. Außerdem war ich recht genügsam. Am Anfang bin ich auf viele Jamsessions gegangen, aber den ersten richtigen Gig hatte ich dann bei dem Trompeter Manny Duran, den mir Peter Gabis vermittelt hat, der damals auch in New York war. Der erste Gig ist natürlich enorm wichtig, um Fuß zu fassen, gerade wenn es ein Steady Gig in einem Lokal ist. Von da an ist es ganz gut gelaufen, ich habe viel mit Walter Fischbacher gespielt, dann bei Indofunk, wo wir indische Musik mit Funk und Drum and Bass verbunden haben. Darüber habe ich den Bluesgitarristen und Produzenten Jeff McErlain getroffen, der für mich sehr wichtig war. Einige Zeit lang habe ich auch in etlichen Punkbands gespielt und dann auch in der äthiopischen Band Admas. So hat sich eben sehr vieles entwickelt. Ein klassischer Schneeballeffekt. Finanziell gesehen ist es sich schon recht gut ausgegangen, wobei ich einige Zeit lang jeden Gig angenommen habe, den ich bekommen konnte. Irgendwann bin ich dann aber etwas kürzer getreten und habe nur noch Gigs gespielt, die mir taugen.

Bei all diesen verschiedenen Projekten, gibt es da einen Stil, in dem du dich letztendlich besonders gefunden hast?

Ich hatte keine wirklich klare Vorstellung. In Wien habe ich sehr viel Jazz und experimentelle Sachen gespielt. Aber eben auch Funk und Pop, wie mit Pogo. Es war aber dann immer so, dass ich versucht habe das zu spielen was mir New York anbietet. Am Anfang gab es viele Studiojobs, wo es ums simple, reduzierte und songorientierte Spielen ging – was nach wie vor eine der größten Herausforderungen ist. Alles in allem ging es immer darum, den richtigen Sound zu finden.

Wie bist du, nachdem du zuerst Violine gelernt hast, zum Schlagzeug gekommen?

Meiner Mutter hat Violine immer sehr gefallen und es war ihr Wunsch, dass ich es lerne. Mit acht Jahren habe ich damit begonnen und zu dieser Zeit hat ein Nachbar von uns bereits Trommelunterricht gehabt. Jedes Mal wenn ich eine Trommel oder ein Schlagzeug gesehen habe, hat es mich extrem begeistert und ich habe meine Eltern darum gebeten, auch mit Schlagzeug beginnen zu dürfen. Sie waren zwar nicht begeistert, aber haben es mir dann doch erlaubt und so habe ich das Schlagzeug gegen die Violine getauscht. Erst während meines Klassikstudiums in Linz habe ich wieder öfter zur Violine gegriffen und spiele immer noch hin und wieder gerne.

Später hast du dann in Wien bei Walter Grassmann studiert. War dir immer schon klar, dass du die Musik zu deinem Beruf machen willst?

Eigentlich war es mir schon recht früh bewusst, dass ich mein Leben lang Musik machen will. Das Schlagzeug war dann quasi das Vehikel dafür. Mit fünfzehn habe ich meine erste Band gegründet und bald darauf mit einer eher kommerziellen Top-40 Band in Oberöstrreich gespielt. Da war mir dann bald klar, dass ich das beruflich machen will. Meine Eltern wollten das nicht, weil es ihnen zu riskant war. Der Kompromiss war dann, dass ich die Fachschule für Gebrauchsgrafik abgeschlossen habe, um ein zweites Standbein zu haben. Schlussendlich habe ich – nach meiner Zeit bei der Militärmusik – bei Walter Grassmann in Wien zu studieren begonnen und fünf Jahre später abgeschlossen. Das war recht intensiv und dabei bin ich auch erstmals tiefer in den Jazz eingetaucht.

Hast du derzeit ein Hauptprojekt?

In den letzten zwei Jahren war diNMachine ein sehr wichtiges und zeitintensives Projekt für mich. Dabei ist gerade die dritte Platte in Arbeit. Unser Komponist und Bandleader hat klassische Musik studiert und verbindet verschiedenste Soundinstallationen mit modernen Grooves. Das Schwierige dabei ist, dass alles sehr genau und umfangreich ausnotiert ist und mit Click und Loops live gespielt wird.

Wie geht es mit der Band weiter nach deinem Umzug?

Das wird man jetzt sehen. In New York haben wir sehr viel gespielt und ich hoffe, dass wir auch in Europa einige Festivals finden. Die Drumtracks stehen jedenfalls schon fürs neue Album. Es ist aber ein typisches Projekt, das eine Zeit lang total intensiv läuft und dann wieder von einer neuen Phase abgelöst wird, das war immer so bei mir.

Hast du in Wien schon etwas Konkretes in Planung?

Ich habe jetzt wieder mit befreundeten Musikern von früher begonnen zu jammen. Das ist eine recht angenehme Situation, weil gerade kein Druck dahinter steht und wir keinen Stress haben. Aber daraus werden wohl die nächsten Gigs entstehen. Dabei wird es stark in die Soul- und Funkrichtung gehen. Abgesehen davon werde ich im Sommer wieder Robben Ford beim Music Master Camp in New York unterstützen. Dabei mache ich jetzt zum dritten Mal mit und freue mich schon sehr darauf. Ansonsten lasse ich vieles erstmal auf mich zukommen.

Du hast vor kurzem ein neues eigenes Drum- und Rhythmus-Workout namens „Accentication“ entwickelt. Wie schaut das in der Praxis aus?

Accentication ist ein Workout-System zur Stärkung des rhythmischen Gefühls und Verbesserung von Spieltechnik und Körper-Koordination. Es stellt ein komplettes Übungssystem dar, mit dem rhythmisch komplexe Formen gezielt geübt werden können. Die Accentications sind Rhythmus-Skalen, ähnlich der Skalen die für andere Instrumente verwendet werden. Sie sind speziell als technisches Training für Drummer geeignet, sowie auch als effektive rhythmische Körperarbeit für alle anderen Musikerinnen und Musiker. Dabei wird mit rhythmischen Grundbausteinen bzw. Modulen begonnen, die sukzessiv variabel betont werden. Über einen Puls werden diese Basis-Module dann zu einer Sequenz zusammengefügt, die als Grund-Loop für die weitere Arbeit gilt. Die entstehenden Variationen können zahlreiche Spielmöglichkeiten eröffnen und mit dem erlernten Material kann dann eigenständig experimentiert werden. Die Möglichkeiten sind dabei endlos. Anwendungen für Drummer sind zum Beispiel Einspielübungen auf der Snare Drum, Kombinationen mit Rudiments, Accentication-patterns über Grooves gelegt, als Fill-Ins und über Ostinatos gespielt. Für Musizierende aller anderen Instrumentengruppen dienen sie als Übungsmöglichkeit, um in rhythmischen Belangen sattelfester zu werden und um mehr Körper- und Rhythmusgefühl beim Musizieren zu erreichen. Ich biete Accentication auch als Workshop an, außerdem habe ich gerade ein Übungsbuch dazu fertig geschrieben, das allerdings zur Zeit noch nicht publiziert ist.

Wie bist du auf Accentication gekommen und was hat dich dazu inspiriert?

Es hat sich grundsätzlich aus dem Üben und Experimentieren entwickelt. Die Einfälle habe ich dann aufgeschrieben und ich arbeite selbst noch immer täglich damit. Ein erster Vorreiter waren von mir zusammengestellte Übungen, die auf dem Paradiddle aufbauen. Der Accentication-Grund-Loop ist so etwas wie ein erweiterter Paradiddle. Die ursprüngliche Idee für Accentication war also, eine bestimmte rhythmische Sequenz zu nehmen und alle Möglichkeiten der Anwendung auf das Set zu erforschen, alles was ich bisher trommlerisch gelernt habe anhand dieser kleinen Sequenz aufzuzeigen und übbar zu machen. Eine große Inspiration für die Arbeit war übrigens ein Workshop von Stanton Moore, an dem ich teilgenommen habe. Da hat er eine Sticking-Figur genommen und auf verschiedenste Weise auf das Set aufgeteilt. Das war ein zündender Moment für mich. Wobei es bei ihm um Sticking-Patterns geht und bei mir eher um die Akzente im Rhythmus. Es haben sich einfach viele vorher schon vorhandene Ideen plötzlich zusammengefügt.

 

Du nennst Pink Floyd als entscheidendes Erlebnis auf dem Weg zum Schlagzeug. Was waren die größten Einflüsse in deiner weiteren Entwicklung?

Wie kann das nicht entscheidend sein? (lacht) Pink Floyd war eine Art „Erwachen“ für mich, weil es bei uns zuhause fast nur klassische Musik gab. Mit circa neun Jahren habe ich einen Onkel in Schweden besucht, bei dem ich auf riesigen Boxen The Wall angehört habe und dieser Sound hat mich umgehauen, vor allem der Schlagzeug-Sound von Nick Mason. Für mich übrigens nach wie vor eines der Alben mit dem besten Drum-Sound. In weiterer Folge habe ich über einen Freund sehr viele Platten zu hören bekommen – Al Jarreau, David Sanborn und viele mehr. In dieser Zeit hat mich Steve Gadd sehr geprägt. Auf dem Konservatorium bin ich dann zuerst total in Elvin Jones und später in Tony Williams reingekippt, der nach wie vor einer meiner absoluten Lieblinge ist. In New York habe ich mich auch vermehrt mit Omar Hakim, Jim Gordon oder auch Keith Moon auseinandergesetzt.

Welche Tipps würdest du jungen Schlagzeugern auf den Weg geben? Wären das heute andere als zu jener Zeit, in der du studiert hast?

Ich glaube, dass es wichtig ist Spaß zu haben an dem, was man macht und sich nicht zu sehr davon ablenken lässt, was andere sagen. Nur was man mit Freude tut, wird auch wirklich gut. Außerdem habe ich zum Beispiel sehr davon profitiert, mit Click zu üben. Es kann sich wirklich auszahlen, sich mit dem Metronom anzufreunden.

 

Steckbrief:

  • Lieblingsbecken: Instanbul Mel Lewis 19“ Signature Ride
  • Lieblingsgroove: „Cold Sweat“ – James Brown (Drums: Clyde Stubblefield)
  • Lieblingsfill: “A Song For The Dead“ Intro – Queens Of The Stone Age (Drums: Dave Grohl)

 

Interview: Moritz Nowak

 

Foto: Fumie Ishii

 

Weitere Links zu Hari Ganglberger:

http://www.hariganglberger.com/

http://dinmachine.com/