Martin Scheer

Mit Tontechnik und Mastering setzt sich Excuse Me Moses-Drummer Martin Scheer schon seit langer Zeit auseinander. Kein Zufall also, dass auch beim Schlagzeugspielen sein Hauptaugenmerk auf dem Sound liegt. In seinem eigenen Studio in Sankt Pölten kann er beides vereinen.

ScheerWie und woran arbeitest du in deinem Studio?

Ich mache hauptsächlich Mastering. Das ist eigentlich mein Hauptstandbein mittlerweile und mit Tontechnik beschäftige ich mich ja schon sehr lange. Ich bin jetzt 44 Jahre alt und habe das eigentlich seit circa 1994 immer relativ ersthaft nebenbei betrieben. Um die Jahrtausendwende herum hat sich das dann verselbstständigt. Das letzte größere Projekt war der Songcontest-Song von Conchita Wurst und letztes Jahr habe ich zum Beispiel Thomas David gemastered und generell bereits viele österreichische Produktionen: Kaiser Franz Joseph, Opus, Bauchklang, Sofa Surfers, Falco und so weiter. Aber auch internationale Sachen. Es ist halt viel zusammengekommen in den letzten Jahren.

Stand das Mastering aber immer hinter dem Schlagzeugspielen für dich?

Eigentlich erklärt es ganz gut, warum ich Schlagzeug spiele. Ich meine, Schlagzeug spielen ist schon super, aber mich hat immer der Sound mindestens genauso interessiert – also der Klang selbst hat mir extrem Spaß gemacht. Es gibt ja Schlagzeuger, die sind zufrieden mit reinem Rhythmus, also sehr groove-affin, dann gibt es welche, die es eher als Sport betreiben oder eher auf der Suche nach Melodie sind und bei mir war es eben immer die Sound-Komponente, also mir hat das Stimmen immer mindestens genauso viel Spaß gemacht wie das Spielen selbst.

Hast du diese Liebe zum Sound erst durch das Schlagzeugspielen entdeckt?

Ich habe als kleiner Bub in der Blaskapelle gespielt und gemerkt, dass die Drumsets dort einmal besser, einmal schlechter klingen und ich war immer unglücklich, wenn das Set schlecht geklungen hat. Obwohl ich es damals gar nicht richtig benennen und stimmen konnte. Als wir mit der Kapelle eine Bigband gegründet haben, bekam ich aber einen wahnsinnig guten Beckensatz gestellt. Das Drama war also, dass ich von klein auf mit diesen High-End Becken verwöhnt war und mich später gewundert habe, wieso die Becken bei der Blasmusikkapelle so gut klingen, während fast überall sonst nur schlechter Sound herauskommt. (lacht)

War die Kapelle also deine erste Station?

Ich habe ja mit der kleinen Trommel begonnen, aber das Ausbildungsniveau bei uns am Land war nicht sehr hoch. Später bin ich dann aufs Bruckner Konservatorium in Linz gegangen und habe eine Zeit lang klassisches Schlagwerk studiert, was mich aber auch nicht wirklich glücklich gemacht hat. Also eine wirklich fundierte Schlagzeug-Ausbildung habe ich in jungen Jahren nicht bekommen. Ich habe das dann alles später in Wien am Konservatorium – mehr schlecht als recht – nachgeholt und das Diplom gemacht, um unterrichten zu können. Aber das Musikschulwerk war damals auch schlechter als heute. Mittlerweile haben wir ja irrsinnig viele Bläser und Schlagzeuger in Österreich. Vor allem Schlagzeuger gibt es ja unendlich viele. Auch deshalb würde ich auf die Frage, ob man es professionell machen sollte, ganz ehrlich antworten: Nein. – Sollte man aber spielen, weil es Freude macht? Unbedingt! Ich würde mich aber nicht darauf verlassen, zu sagen: Wenn ich der Beste bin, dann habe ich sicher einen Job. Das stimmt leider nicht. Ich kenne viele Leute, die mich an die Wand spielen und die, obwohl sie Kommerz spielen, nicht davon leben können und Unterrichtsposten gibt es auch nicht sehr viele. Andererseits würde ich nie jemandem einen Traum verwehren wollen, denn es gibt viele Wege und manche finden dann eine Nische, sei es als Lehrer, im Studio oder als Live-Drummer, aber viele andere leider nicht. Das kann man nicht prognostizieren. Beim Mastering ist es ähnlich. Gehört man zu den fünf Besten in der Musikszene, wird man nicht sonderlich reich. Würde man aber zu den fünf besten Managern oder Skifahrern im Land gehören, wüsste man nicht mehr, wohin mit dem ganzen Geld. Das muss einem schon bewusst sein.

Und wie hast du selbst darüber gedacht als du jünger warst?

Ganz ehrlich, ich bin eher ein Rock ’n Roller. Am Konservatorium hat mich beispielsweise wahnsinnig gestört, das spielen zu müssen was andere für mich gedacht haben. Mag sein, dass das jetzt eine Ausrede ist, weil ich damals nicht sehr fit im Notenlesen war, aber umgekehrt hat mir der Gedanke gefallen, auf der Bühne spielen zu können was ich will und was ich bin, ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen. Das ist vom Grundgedanken her eben weniger der typische Auftragsmusikant. Nach anderen Schulen habe ich aber bemerkt, dass die Musik immer die größte Rolle spielt in meinem Leben und so habe ich mich doch dafür entschieden – auch gegen den Widerstand der Eltern. Ich würde also durchaus jedem raten, Mut zu haben. Wenn man es realistisch betrachtet, ist es natürlich schwierig, aber für jeden jungen Menschen ist es wichtig, sein Ding zu haben, also eine Sache, die einen einnimmt und begeistert und da ist Schlagzeugspielen beim Arsch besser als tausend andere Dinge. Schlagzeuger sind ja auch in den meisten Fällen sehr angenehme und kommunikative Menschen, das hat mir immer gut gefallen und man fühlt sich immer recht gut aufgehoben. Ich kann mich erinnern, wie ich Thomas Lang angerufen habe – der mich nicht wirklich gekannt hat damals – und ihn nach einem Rat gefragt habe. Mich hat beeindruckt, wie locker und freundlich er mich beraten hat. Damals lief in der Schlagzeugwelt halt noch sehr viel über Mundpropaganda, bevor sich das Internet durchgesetzt hat.

Obwohl es natürlich auch viel Konkurrenz gibt, auch durch den simplen Umstand, dass es meist nur einen Drummer pro Gruppe gibt…

Ja und glaube auch, dass sich viele Schlagzeuger falsch einschätzen, denn nur, weil ich zu einer Platte dazu spielen kann, heißt das noch lange nicht, dass ich es auch denken kann. Also nachspielen ist was anderes als erfinden oder in einer Band eine Funktion einzunehmen. Ich würde mich selbst als Bandschlagzeuger bezeichnen, wobei meine erste Band in den 90er Jahren „Faust“ war, eine Band aus Krems mit deutschen Texten – also ein bisschen vor ihrer Zeit eigentlich damals.

Wie war dann dein Zugang am Konservatorium?

Mir wurde schon klar, dass man seine sieben Zwetschken beieinander haben muss, wenn man überleben will. Man muss Stile bedienen können und in jeder Richtung fit sein. Mir fallen da als Beispiele Florian Holoubeck und Wolfgang Luckner ein, die sich einfach extrem viel antrainiert haben und gleichzeitig die nötige Kaltschnäuzigkeit mitbringen; die spielen nicht umsonst bei Dancing Stars. Das ist eine Art Musiker, für die du eine coole Sau sein musst, du brauchst nerven aus Stahl, super Blattlesefähigkeiten und musst immer fit im Kopf sein und dafür braucht man natürlich viel Selbstvertrauen. Für so etwas war ich einfach immer ein bisschen zu labil. Hingegen mit einer Band auf die Bühne zu gehen, mit der man zusammengeschweißt ist, das ist wieder etwas ganz anderes. Aber deshalb finde ich es auch wichtig, dass es gute Ausbildungsstätten gibt, wo man verschiedenste Ansätze lernen kann. Welchen Weg man geht, hängt stark von der Persönlichkeit ab und ich habe für mich gemerkt, dass es einfach nicht meins ist, einen Brunch am Vormittag zu spielen zum Beispiel.

Es ist ja auch wichtig, seine Richtung zu entdecken und zu seinen Prinzipien zu stehen, also auch zu wissen, was man nicht will oder?

Das muss man mit der Zeit entwickeln. Gerade als junger Musiker wird man da oft erschlagen von Einflüssen und Ansprüchen, was man alles können muss. Mir ist es auch so gegangen, weil zu meiner Studienzeit gerade der Typus vom Universalschlagzeuger im Kommen war, der alles perfekt spielen kann. Ich glaube aber, dass heutzutage eher wieder die Spezialisten gefragt sind und es wieder wichtiger ist, dass man seinen eigenen unverkennbaren Sound oder Groove hat. JR Robinson hatte nie eine außergewöhnliche Technik, aber seinen eigenen Groove und es ist kein Zufall, dass er für die letzte Daft Punk Produktion ins Boot geholt wurde. Ein weiterer Held in dieser Hinsicht war für mich immer Omar Hakim, vor allem seit der Live-Platte von Sting. Ich mag besonders flüssige Drummer, die vor allem mit runden Bewegungen phrasieren, bei denen es auch leicht eiert.

Wie war es für dich dann bei Excuse Me Moses als studierter Schlagzeuger in einer Alternative-Rockband?

Zu der Zeit, in der ich bei Excuse Me Moses eingestiegen bin, war ich persönlich schon viel reifer als Drummer, während ich mir in meiner Zeit bei Faust doch noch recht oft selbst im Weg gestanden bin indem ich geglaubt habe, alles was ich im Studium gelernt hatte, in die Musik packen zu müssen und das war ein Blödsinn. Bei so etwas ist die Attitüde und der Blick fürs Wesentliche viel wichtiger. Damals habe ich noch sehr viel komplexe Musik gehört, Zappa beispielsweise. Mit der Zeit hatte mir das aber zu wenig Seele und es war mir zu kopflastig. Ich habe natürlich schon viel geübt, aber bin von Haus aus eher grundfaul und habe mich oft auf die Sachen beschränkt, die von selbst funktionieren und wenn etwas für mich nicht gut geklungen hat, habe ich es nicht geübt. Außerdem habe ich festgestellt, dass Leute, die alles spielen wollen, oft nicht wirklich gut klingen.

Inwiefern?

Wegen der Stickhaltung. Weil es sehr wohl ein Unterschied ist, ob man Jazz oder Rock spielt – das sind unterschiedliche Sticks, Haltungen und Bewegungsabläufe. Die wenigsten können da gut switchen. Selbst im Rock gibt es totale Unterschiede, man denke an John Bonham im Vergleich zu John Tempesta: Zwei völlig verschiedene Zugänge zur gleichen Materie, Bonham swingt und Tempesta nagelt.

Du bist 2008 zu Excuse Me Moses gestoßen, wie hast du dich in die Band eingefügt als neuer Drummer, hast du das meiste von deinem Vorgänger übernommen?

Ich habe die Band gekannt, weil ich sie damals live gemischt habe. Zu der Zeit habe ich kaum Schlagzeug gespielt, aber der Gitarrist hat mich angerufen, dass sie einen neuen Drummer suchen. Ich habe dann brav an der Audition teilgenommen und sie gewonnen – bin also grundehrlich zu dem Job gekommen. (lacht) Aber es gibt ein paar Dinge, die ich nicht so zusammengebracht habe wie mein Vorgänger, muss ich gestehen.

Hast du die dann abgeändert?

Ja, ich habe schon einige Sachen adaptiert, sodass ich sie auch gut spielen kann. Aber das ist das Schöne in einer Band, dass man in der Komfortzone bleibt und nichts spielen muss, was man nicht gut kann oder will.

Spielst du denn abseits der Band noch viel?

Ab und an im Studio. Da habe ich zum Beispiel Natalia Kelly eingespielt oder Luttenberger*Klug. Aber meistens nichts Aufregendes, also keine Musiker-Musik, sondern primär gerade Sachen. Seit 1987 unterrichte ich auch an der Musikschule und das mache ich sehr gern und intensiv. Man sollte ja das Schlagzeugspielen mit der nötigen Ernsthaftigkeit betreiben, aber auch immer die Freude dran behalten, das versuche ich auch meinen Schülern zu vermitteln. Das Wort „Spaß“ versuche ich dabei aber immer zu vermeiden, denn ich finde, dass Musik nichts mit Spaß zu tun hat, denn das klingt für mich zu oberflächlich. Das sehe ich vielleicht ein bisschen eigen, aber Freude geht tiefer und Musik ist etwas vielschichtigeres. Man sollte Musik eben primär als wundervolle Beschäftigung sehen und nicht die Nerven wegschmeißen, wenn es mit dem Erfolg oder dem Geld nicht klappt, denn das ist eher die Ausnahme und es ist ja auch etwas wunderbares, in einer funktionierenden Band zu spielen – Erfolg hin oder her.

 

 

Interview: Moritz Nowak