Zwei Höllenhunde auf dem Weg zum Himmel

Ein Riff erhebt sich donnernd vom Grunde des gewundenen Bächleins. Die Hände formen sich zu Hörner und zeigen so die Herkunft des Höllenlärms. Mit ihrer Band Circle Creek schnalzen die Grazer Zwillinge Chris und Didier Zirkelbach den Fans infernalische Twin-Gitarrensounds um die Ohren. Backbeat traf die beiden zum ausführlichen Interview. Martin Macho in Kooperation mit mica – www.musicaustria.at

Hellhound On My Trail sang bereits der alte Robert Johnson vor einem knappen Jahrhundert. Passt wirklich gut hierher, denn es ist wahrlich ein Höllenhund von einem Rock´n´Roll, den Circle Creek seit mittlerweile 30 Jahren von der Kette lassen. Die wild gewordene Kreatur, Heavy Stoner Rock mit Namen, holt weder schön Stöckchen, noch macht sie artig Sitz. Die laut aufjaulenden Gitarrenchorusse der Zirkelbach-Twins verbeißen sich in wehrlos wimmernde Gehörgänge, unbarmherzig und unentrinnbar. Dahinter treiben Wolfgang „Huawa“ Huber (bg) und Bernhard Wolf (dr) den Blutkreislauf des wütenden Höllenviehs an. Anger heißt bezeichnenderweise auch das letzte Album. Festzeit für die gehörnte Rockgemeinde. Banges Warten auf das nächste Riff, das sich auftürmt aus dem gewundenen Bach, und der Köter sitzt uns wieder hart im Genick. Gefällt uns aber, Angstlust nennt sich das.

Der Titel eurer letzten CD trägt den Namen Anger. Inwieweit ist der Titel Programm, auf wen seid ihr zornig?

Chris: Man baut halt mit der Zeit einen gewissen Weltzorn auf viele Dinge auf, im Kleinen wie im Großen. Die Frage ist immer, ob es Sinn macht auf die Barrikaden zu steigen und dagegen anzukämpfen. Unser Weg ist eben die Musik, oder – bei mir ganz konkret – das Singen.

Didi: Wir wissen natürlich, dass wir nur die kleinen Dinge im persönlichen Bereich unmittelbar beeinflussen können. Zum Beispiel das eigene Konsumverhalten und Ähnliches. Das Album soll aber nicht belehrend gesehen werden, mit Fingerzeig und so. Uns ist es eher ums Aufmerksammachen gegangen.

Liegt es nicht auch im Wesen des Rock´n´Roll, aufmüpfig zu sein, sich nicht alles gefallen zu lassen?

Chris: Kann man durchaus so sehen. Wir haben aber schon auch viele Nummern über ´love´ und ´balls´, also die freudigen Dinge des Lebens (lacht).

Didi: Über all die kritisierenswerten Umstände soll man einfach den Spaß nicht vergessen. Ich habe oft den Eindruck, viele Leute haben verlernt die positiven Sachen zu schätzen, und sind stattdessen ständig am Jammern.

Im Titelsong zählt ihr auf, was ihr alles nicht von oben vorgegeben haben wollt, im Video tauchen flashartig immer wieder Personen mit zweifelhaftem Ansehen, vor allem aus dem Bereich Politik auf. Ist es auch eine Nummer gegen ´die da oben´?

Chris: Ja schon, vor allem gegen die Bevormundung und gegen das Kommandierenlassen. Wir wollen das eigene Denken und die Selbstverantwortung unterstützen. Aber wir haben auch den Dalai Lama drinnen. Nicht als Kritik, sondern mit dem Bewusstsein, auch dann zu allem eine Meinung haben zu dürfen, wenn man kein Auserwählter ist. Ich singe ja auch, “I do know I´m not the chosen one”.

Wird man nach 30 Jahren im Geschäft nicht auch automatisch ruhiger und gesetzter?

Didi: Ruhig sind wir noch nie gewesen. Was sich geändert hat, ist die Form, die wir dieser Spannung geben. Das hat sicher auch mit Reife zu tun.

Chris: Wenn man jünger ist neigt man vielleicht eher dazu, pauschal ins Leere hinein zu plärren. Heute ist das viel gezielter, so dass das Ganze einen erzählerischen Unterboden, und dadurch eine Begründung bekommt.

Wie verläuft bei Circle Creek das Songwriting?

Didi: Meistens kommt Chris als unser Kreativgeist mit einem oder mehreren Gitarrenriffs, und spielt sie uns im Proberaum vor.

Chris: Dazu singe ich oft nur einen Fantasietext, der mir spontan einfällt. Durch dieses sinnlose Blabla ergeben sich aber oft wirklich die fertigen Lyrics.

Didi: Dann kommt Schlagzeug und Bass dazu. Das wird mehrmals angejammt und anschließend eingespielt. Wir schneiden immer alles gleich mit, einfach zur unmittelbaren Kontrolle und Korrektur. So wächst das Material mit der Zeit. Es gibt auch Situationen, wo wir nur miteinander jammen. Da helfen die Mitschnitte ebenfalls sehr, denn durch die Spontaneität sind oft super Teile dabei, die ohne Aufzeichnung verloren gehen würden.

Chris: Jeder bekommt von den Mitschnitten auch Mp3´s, sondiert das für sich und weiß dann, womit er weiterarbeiten möchte. Interessanterweise kommt man zum Schluss sehr oft auf die erste Version zurück.

Hat sich diese Arbeitsweise im Laufe der Zeit verändert?

Didi: Das einzige was sich geändert hat ist, dass wir nicht mehr so viel streiten wie früher (lacht). Ernsthaft: Wir können uns die Nummern jetzt hinterher anhören, dadurch gibt´s keine Diskussionen. Vom Reden vergeht nur sinnlos Zeit und bringt im Endeffekt nicht wirklich was. Durch die Mitschnitte wissen wir immer gleich, was Sache ist. So entstehen Streitgespräche fast gar nicht mehr.

Chris: Früher wollte halt jeder unbedingt seinen Standpunkt durchsetzen. Jetzt sind wir da lockerer. Wir habe kein Plattenlabel, keine Plattenfirma. Circle Creek muss für niemanden etwas spielen, wir können im Prinzip machen, was wir wollen. Deswegen ist bei uns schon mit vielen Dingen experimentiert worden: Hardrock, technoide Geschichten auf dem Nu Metal-Trip mit Samples und so, bis das dann wieder abgespeckt worden ist auf zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug und Gesang, den ich seit 2011 übernehme.

Didi: Diese Entwicklungen hängen natürlich immer mit den jeweiligen Einflüssen zusammen. Bei uns war das am Anfang Hardrock im Stil von AC/DC und Konsorten. Später sind wir auch auf Techno-Festivals gegangen, und haben das in unsere Musik einfließen lassen. Zum Beispiel haben wir Songs mit einem konstant durchgängigen Hauptriff, das instrumental nur entweder intensiviert oder vermindert wird, so wie ein DJ das macht. Dadurch kriegt die Musik einen irrsinnigen Groove und bleibt immer tanzbar.

Chris: Heute sind Circle Creek wieder songorientierter, obwohl wir immer noch gerne Nummern mit sechs bis sieben Minuten raushauen. Einfach weil wir uns die momentane Spielfreude und das Feeling durch das Radioformat nicht nehmen lassen wollen. Machen wir sicher nicht!

Also war die Musik von Circle Creek immer die Summe von Einflüssen, und kein Konzept im Sinne einer beabsichtigten Unverwechselbarkeit?

Didi: So ist es, richtig. Da steckt kein Plan dahinter. Wir werden das Rad ja nicht neu erfinden. Rock ist Rock, viele Riffs sind wiederkehrend, die haben schon  einen Bart.

Chris: Seitdem ich 2011 den Gesang übernommen hab´, ist die Geschichte viel authentischer und homogener geworden. Weil ich die Nummern hauptsächlich bringe, brauche ich meine Ideen dem Sänger nicht mehr extra darzulegen und beizubringen. Ich glaub´ ja generell, dass gerade der Gesang viel zur Einzigartigkeit einer Band beiträgt. Natürlich weiß ich, dass ich kein David Coverdale bin. Ich habe einfach meinen eigenen Stil.

Didi: Früher haben wir beide auf immer dem gleichen Level geschweißt. Weil Chris jetzt auch singt, nimmt er automatisch seinen Gitarrenpart zurück. Dadurch ändert sich die Dynamik stärker. Die Rhythmuspartie groovt im Hintergrund, und wenn´s drauf ankommt, drückt Chris wieder an.

 

Das Video zum Titelsong:

 

Was war der Grund, dass du seit zwei Jahren den Leadgesang übernimmst?

Chris: Im Laufe der Jahre haben wir einige Sänger gehabt, die uns leider immer aus den verschiedensten Gründen weggefallen sind. Ich will da gar nicht so konkret drauf eingehen. Neue Sänger zu finden ist aber gar nicht so ohne, irgendetwas passt meistens nicht. Einmal hat dann der Huawa vorgeschlagen, dass ich einfach selbst den Gesang übernehmen soll. So bin ich 2011 zum Sänger geworden.

Didi: So wie es jetzt ist, haut das super hin. Wir vier passen zusammen, der Sound ist gut. Circle Creek in der jetzigen Formation harmonieren perfekt. 

Die Reviews zu Anger waren zumeist sehr positiv, wie geht ihr allgemein mit Kritik um?

Chris: Die schlechten werden ignoriert, und über die guten freut man sich (lacht)!

Didi: Wichtig ist in erster Linie, dass überhaupt über uns geschrieben wird. Das Schlechteste wäre, wenn wir ignoriert werden würden. Wer schimpft, der kauft, heißt es doch. Im RockHard sind wir zum Beispiel nicht so gut weggekommen – völlig wurscht, wir waren im RockHard. Ist immerhin die zweitgrößte Musikzeitschrift in Deutschland (grinst)!

Ihr habt bis jetzt zwei Studio-CD´s veröffentlicht, für 30 Jahre doch relativ wenig. Seht ihr euch eher als Live-Band?

Didi: Vor unserer Schaffenspause (2008 bis 2011, Anm. d. Red.) haben wir immer wieder Demos eingespielt und wollten auch einen weiteren Longplayer veröffentlichen. Das hat uns damals umgerechnet 60.000 Schilling gekostet. Wir sind es aber in weiterer Folge falsch angegangen, das Material war noch nicht fertig produziert bzw. nicht end-gemastert, als wir damit auf Label-Suche gegangen sind. Die war leider erfolglos, und danach war die Luft einfach draußen.

Chris: Live-Band sind wir auf jeden Fall. Vom Druck her können wir unsere Nummern auf der Bühne jederzeit noch toppen. Sicher haben auch wir manchmal nicht optimale Tage, das ist bei vier Leuten schon mal so. Trotzdem halten wir immer ein Level, sodass es live ordentlich pusht.

Der Gruppenname und die letzten Promofotos deuten eure Vorrangstellung in der Band an. Waren Circle Creek immer Zirkelbach-Twins plus wechselnde Begleitmusiker?

Chris: Angelegt war es sicher als homogene Geschichte. Weil wir nun einmal Zwillinge sind, hat sich das langsam so eingeschlichen: Die Twins und die Band. Wir wollen schon als Einheit gesehen werden, nicht wir beide vorne und der Rest als Anhängsel.

Didi: Obwohl natürlich ein gewisses Leadership schon wichtig ist. Chris ist als Kreativgeist und Songwriter schon der Bandleader.

Chris: Ich lass´ mir sicher nicht Sachen hineindrücken, auf die ich früher vielleicht noch um des Friedens Willen eingegangen wäre. Wenn jetzt beispielsweise – was ja schon passiert ist – ein neu eingestiegener Musiker kommt und will, dass wir uns alle weiße Hemden und rote Krawatten anziehen und ein paar Balladen spielen, nur damit die Mädels kommen, sag´ ich: „Sicher nicht!“.

Didi: Wie schon vorher erwähnt, wir sind niemandem etwas schuldig und müssen niemandem etwas recht machen. Wenn wir ein Label kriegen, wollen wir so akzeptiert werden, wie wir sind. Was nicht heißt, dass wir uns durch die Außensicht eines Arrangeurs oder Produzenten nicht unterstützen lassen würden, um das Optimum aus unserer Musik herauszuholen. Die Gefahr einer Betriebsblindheit besteht ja immer.

Was waren eure bisherigen Karrierehighlights?

Didi: Sicher die ganzen Vorband-Sachen. Wir haben gleich mit 15 Jahren die Publikumswertung einen Bandwettbewerbes gewonnen. Der Preis war damals  ein Support von Status Quo in der Eishalle Liebenau vor etwas mehr als 3000 Leuten. Wie wir da aus der Garderobe herausgekommen sind, und über 3000 Menschen „Circle Creek!“, „Circle Creek!“ geschrieen haben, hat´s uns dermaßen gerissen, dass wir nicht einmal den Stecker in die Anschlussbuchse bekommen haben. Dann die Erfahrung, dass auf einmal etwas von unten zurückkommt, wenn du ein paar Takte spielst. Da wirst du plötzlich so mächtig, unglaublich.

Chris: Das war der Startschuss so nach dem Motto, „Da wollen wir hin“. Später sind noch Supports von Toy Dolls, Uriah Heep auf den Kasematten vor über 1000 Leuten, oder Judas Priest im Orpheum dazugekommen. Was mir immer noch leid tut: Wir hätten im Orpheum vor vollem Haus vor Motörhead spielen können. Ist leider kurzfristig abgesagt worden, weil der Lemmy angeblich eine Lebensmittelvergiftung hatte. Sprich, overdosed (lacht)! Und dann natürlich am 12.09. 2008, Dom am Berg, die 25-Jahres Feier von Circle Creek, die wir gleich mit dem 40er von Didi und mir zusammengelegt haben. Da waren an die 600 Leute dort, von denen wir ca. 80% gekannt haben.

Wie beurteilt ihr die heimische Rockszene?

Didi: Geld verdienen ist halt sehr schwierig in Österreich. Das Hauptproblem ist die fehlende Unterstützung der lokalen Radiosender. In den letzten Jahren ist es zwar ein bisschen besser geworden, seit 2011 merken wir, wie das Interesse langsam wächst. Wir werden weiterempfohlen, mehr Leute nehmen an unserer Musik Anteil. Zum Beispiel sind wir auf der DVD-Edition Kinder der Iris, mit 16 heimischen Musikvideos, die aus etwa 100 Produktionen mit steirischer Beteiligung nominiert wurden, vertreten. Außerdem haben wir 2012 den Rockin´ Movies (Grazer Musikfilmfestival von Rudi Dolezal, Anm. d. Red.) Award in der Kategorie Short List gewinnen können. Aber dennoch fehlt hier einfach das notwendige Airplay. An die Leute bringen wir unsere Sachen hauptsächlich durch die Konzerte. Die große Kohle machst du durch die Musik sicher nicht. Alles was bei uns an Gagen hereinkommt, kommt in den Bandtopf, um die T-Shirt-Produktion etc. bezahlen zu können. Was man sagen kann ist, dass der Neid nicht mehr so regiert wie vielleicht noch vor zehn Jahren. Wir sind zum Beispiel zu unserer Bonner Promo-Firma Finestnoise über Clemens Berger (Sänger und Gitarrist, Anm. d. Red.) von Facelift gekommen. In Deutschland hatten wir dadurch Airplay bei etwa 40 Radiostationen. Für die Zukunft sind wir deswegen durchaus positiv. Ziel ist sicher, hauptberuflich Musik machen zu können. Jeden Tag Gigs zu spielen, Songs zu schreiben, Tourneeluft zu schnuppern, einmal auch aus Österreich raus zu kommen. Dann sind wir wirklich Musiker.

 

Das Album Anger erschienen bei Finestnoise/Radar Music

(VÖ 29.10. 2012)

 

 

 

 

Circle Creek im Internet:

www.circlecreek.at

www.facebook.com/CircleCreekBand

www.youtube.com/CircleCreekMusic

booking austria: didiz@me.com

booking germany: booking@fomjam-music.com

 

Termine:

28. Juli, Parkhouse, Graz, ab 17 Uhr mit Facelift

23. August, Rostfest, Eisenerz

25. Oktober, 30 Jahre Circle Creek, Helmut List Halle + special guests!

31. Oktober, Rock On Halloween VIII, Veranstaltungszentrum Niklasdorf

 

Foto: Stefan Friesinger